Was bewirken eigentlich Schul-Siegel?

Seit anderthalb Jahren bin ich Teil der Schulleitung einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Neben dem Unterrichten bedeutet dies vor allem, sehr viel am „System Schule“ zu arbeiten, also den Kurs einer Schule mitzulenken. Die Schulleitung arbeitet an an unmittelbar Sichtbarem wie der Verteilung von Kolleg*Innen in die Klassen, der Erstellung des Stundenplanes, Einstellungen von neuen Lehrer*Innen und so weiter – aber auch an der langfristigen Ausrichtung einer Schule: Welche pädagogischen Konzepte verfolgen wir? Wie wollen wir als Schule sein? Welche Hilfen benötigen wir auf dem Weg dahin?

Ein kleiner Aspekt dieser Arbeit ist die Frage, ob man sich um ein sogenanntes „Schulsiegel“ bewerben möchte. Um bspw1. das fiktive Siegel „Vegane Schule“ zu erhalten, müsste man ein Mensakonzept vorlegen und nachweisen, dass jeden Tag mindestens ein veganes Gericht für die Schülerinnen und Schüler zur Auswahl steht.

Ich habe mir die Zeit genommen, im Internet nach ein paar Siegeln zu suchen und bin auf eine Handvoll gestoßen. Es gibt…

  • MINT-Schulen
  • Mint EC-Schulen
  • MINT-freundliche Schulen
  • eTwinning-Schulen
  • UNESCO-Schulen
  • „Gesunde Schulen“
  • „Faire Schulen“
  • Microsoft Showcase Schulen
  • Digitale Schulen
  • Apple Distinguished Schools
  • Schulen ohne Rassismus
  • Talent-Schulen
  • „Fairness“-Siegel
  • Q-Siegel
  • Berufswahlsiegel

…und sicherlich noch viele mehr. Der Grundgedanke dieser Siegel ist – vergleichbar mit den Öko-Siegeln auf Lebensmitteln – überaus positiv: Interessierten Kunden Eltern soll es leicht gemacht werden zu erfahren, ob eine Schule sich in einem bestimmten Bereich besonders hervortut. Eine Schule, die seit Jahren intensiv im Bereich Naturwissenschaften arbeitet, mit vielen Partnern vernetzt ist und ihre Schülerinnen und Schüler ermuntert, an regionalen MINT-Wettbewerben teilzunehmen kann sich das nun öffentlich bestätigen lassen.

In der Realität wird dieser Gedanke dadurch konterkariert, dass einzelne Schulen den Erhalt des Siegels primär als Werbeträger betrachten. Die Arbeit wird also umgedreht. An die Stelle von: „Wir arbeiten soundso, nun bekommen wir dafür ein offizielles Siegel“ tritt ein „Was müssen wir tun, damit wir das Siegel bekommen?“

Auch dies ist zunächst einmal nicht verwerflich – ich behaupte jedoch, dass dies in der Praxis kein nachhaltiges Arbeiten nach sich zieht. Es werden viele Stunden in Konzepte und Bewerbungen gesteckt und Projekte dahingehend interpretiert, dass sie zum Siegel passen – aber an der Schule ändert sich dadurch nichts. Plakatives Beispiel: Es wird eine Funktionsstelle ausgeschrieben mit dem Auftrag, sich um die Berufsorientierung (= Berufswahlsiegel) zu kümmern.

Dadurch verwässert einerseits die Aussagekraft eines Siegels – was passiert wirklich? Was steht nur auf dem Papier? – andererseits verwässern auch die Vielzahl an Siegeln jede Bedeutung: Wer weiß schon, was der Unterschied zwischen einer MINT-Schule, einer MINTec-Schule und einer „MINT-freundlichen Schule“ ist? Und wie Eltern wissen das, wenn sie das Logo auf der Homepage sehen?

Was mich zum letzten, entscheidenden, Punkt führt: Der Relevanz solcher Siegel.
Einer (nicht repräsentativen) Twitterumfrage zufolge spielt eine solche Auszeichnung nur eine mindere Rolle bei der Wahl der Schule. Entscheidend sind Erreichbarkeit, was andere Eltern erzählen und die Öffnung nach außen.

Weiß ich also für mich: Keine Bewerbung um das Siegel „Vegane Schule“ und die gewonnenen Stunden lieber in den Unterricht oder andere sinnvolle Projekte stecken.

 

 

1: ein fiktives Beispiel.

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2 Gedanken zu “Was bewirken eigentlich Schul-Siegel?”