Ich lese einige Dutzend Blogs und finde oft jene Artikel besonders spannend, bei denen ich frische Einblicke in andere Berufe erhalte. Egal ob Notarzt, Anwalt oder Krankenschwester – ich bin einfach neugierig und lerne gerne dazu.
Auf den ersten Blick scheint „Schule“ ein bestelltes Feld zu sein: Vorne steht der Lehrer und redet, hinten sitzen die Schüler und hören zu. Hat jeder schon tausendmal erlebt. Etwas seltener sind die Blicke hinter die Kulissen und weil heute ein wirklich bemerkenswerter Tag gewesen ist, möchte euch heute mit in meinen Alltag als Teil einer Schulleitung nehmen.

Morgens.
Der Morgen beginnt mit einer Nachricht des Sekretariats, dass zwei Schüler mich suchten. Die Nachricht bimmelt bei TEAMS ein, das ist sozusagen das professionelle Whatsapp für Unternehmen. In der Schule nutzen wir es als Kommunikationsmittel. Es geht um eine unnötige Streiterei zwischen zwei Schülern, durch dessen Verlauf ich ein spontanes Elterngespräch führen muss. Eine Stunde meiner Zeit kostet mich die Aufarbeitung der Geschehnisse und die gemeinsame Entwicklung einer Zielperspektive: Wie soll es weitergehen?
Solche Gespräche werden im Normalfall nur mit dem Klassenlehrer geführt. Wenn es etwas ernster wird, dann holt man sich die Eltern dazu und erst im dritten Schritt sitzt ein Mitglied der Schulleitung dabei. Oft geht es dann um Ordnungsmaßnahmen wie Ausschluss von der Schule etc. Das trifft aber nur auf geplante Gespräche zu. Bei spontanen Situationen – und abhängig der erzieherischer Einschätzung – kann variiert werden. Ich war gerade greifbar, also habe ich mich drum gekümmert. Nach einer Stunde war alles geklärt und alle Parteien weitgehend zufrieden.

Den restlichen Morgen habe ich am Computer verbracht. Noten werden heutzutage nicht mehr handschriftlich auf Zeugnisse eingetragen, sondern laufen erstmal in einem Noten-Verwaltungsprogramm zusammen. Dabei treten immer wieder Fehler zutage oder entstehen: Schüler XY ist im falschen Kurs oder gar nicht erst aufgeführt. Hier konnte eine Zeugnisbemerkung nicht eingetragen werden und dort fehlen sämtliche Fehlstunden. Bevor wir in die Zeugniskonferenzen morgen gehen, bei der alle unterrichtenden Lehrer über die Klassen konferieren, müssen solche Fehler ausgebügelt werden. Das kostet Zeit.
Immer wieder schreibe ich Kollegen kurze Mitteilungen: „Weißt du, ob Jonathan wirklich WP1-NW gewählt hat?“ „Für den AG-Bereich gelten die Noten E1 bis E3! Bitte nicht vergessen.“

Vormittags.
Vor einem Jahr haben wir den Entschluss gefasst, digitale Schule zu werden. In einer Konferenz hatte der Bürgermeister der Stadt Siegen, Steffen Mues, unser Vorhaben bestärkt und auch Taten gefordert. Nun, ein Jahr später, hatten wir ihn erneut eingeladen um zu zeigen: Wir liefern!
In einem guten Gespräch erörterten wir unser Konzept und kamen auch auf jene Punkte zu sprechen, bei denen wir uns von der Stadt Hilfe erhoffen. Anschließend ging es in die Praxis: Gemeinsam besichtigten wir die Tabletklassen. In der Praxis nicht zu erkennen aber für mich entscheidend: Wir haben keine Zirkusstunden vorbereitet um den Zweck digitaler Endgeräte zu demonstrieren – sondern Alltag. Letztlich ist das auch der Kern unseres Schulkonzepts: Die Technologie muss als Werkzeug im Alltag Anwendung finden und von jedem Lehrer und jedem Schüler genutzt werden können.

Trotzdem habe ich mich natürlich über Details gefreut: Wenn unsere Fünftklässler innerhalb von Sekunden ihre Tablets mit dem Beamer verbinden um ihre Aufschriebe an die Wand zu projizieren („Okay, danke Konstantin! Jetzt Aufgabe 2. Alina?“) und auch der Wechsel flink von der Hand geht, sieht das beeindruckend aus.

Man kann sich vorstellen, dass Kinder, die nach einem halben Jahr schon so sicher im Umgang sind, ihre Geräte in fünf Jahren völlig blind bedienen können. Das eröffnet ganz andere Zukunftsperspektiven weit über den Unterricht hinaus.

Nicht heute, aber im Vorfeld: So ein Besuch will geplant und vorbereitet werden.

Nachmittags.
Zehn Minuten nachdem wir den Steffen Mues verabschiedet hatten, stand der nächste Termin in einem der Konferenzräume an. Gestern hatte ich gemeinsam mit dem Hausmeister einen großen Fernseher an der Wand angebracht. Damit unsere digitale Welt nicht aus dem Ruder läuft, müssen sich im Hintergrund Administratoren um die Details kümmern: Welcher User ist Lehrer, wer ist Schüler? Welche Rechte haben die jeweiligen Gruppen? Wie kann man dieses oder jenes einstellen?
Insgesamt sind wir vier KollegInnen an meiner Schule, die diese Rolle wahrnehmen. Wohlgemerkt: Lehrer! Keine ausgebildeten Systemadministratoren. In den vergangenen Monaten haben wir viele administrative Fragen gesammelt und heute die Gelegenheit, via TEAMS einen Experten in unsere Schule zu holen.
So saßen wir also wie in einem Hollywood-Film vor einem großen Fernseher und konferierten mit jemandem, dem wir nie zuvor begegnet sind und der gerade auf dem Sprung nach London war, uns heute aber noch dazwischenschieben konnte. Bildschirme wurden geteilt und Einstellungen Schritt für Schritt erläutert. 45 Minuten lang, bis unsere Köpfe rauchten. Wichtiges Detail: Die gesamte Sitzung ließ sich auf Knopfdruck aufzeichnen, so dass wir uns das alles nochmal und nochmal ansehen können, bis auch wir es verstanden haben. Das war Raumschiff Enterprise. Wahnsinn!

Später Nachmittags.
Erst um halb drei hatte ich das erste Mal Unterricht. Eine Stunde Mathematik in meiner eigenen Klasse. Das stand zumindest auf dem Plan, doch die Kinder überfielen mich mit Fragen nach Hackern und Computerviren und ob ihre Geräte sicher seien. „Ich habe auf YouTube gesehen, wie ein Hacker..“ „Das Handy von meinem Cousin ist kaputtgegangen, weil…“

Viel Halbwissen. Viele Geschichten.

Nach sachlicher Richtigstellung und einigen Informationen erklärte ich meiner Klasse schließlich, dass auch ich ein „richtiger Hacker“ sei. Auf meinem Computer rief ich die Seite hackertyper.net auf und wechselte mit F11 in den Vollbildmodus. Anschließend ein paar mal willkürlich, aber scheinbar hochkonzentriert auf die Tastatur gehämmert und schon erschienen ein paar Zeilen Code in gefährlich anmutenden giftgrün.
Atemlose Stille. Pure Bewunderung.

Danach die Auflösung: „Das ist Zaubertrick! Ihr glaubt einfach, was ihr seht! Aber schaut mal…“ Ich halte die Leertaste meines Computers gedrückt und der Code erscheint ganz von allein. „Was geschähe wohl“, frage ich meine Klasse, „wenn wir jetzt ein Video aufnähmen, bei dem ich hier vorne diesen Code schreibe und ihr an euren Computern das gleiche tätet? Was würden die Leute denken?“

Und schwups waren wir in einer Diskussion über „Ich glaube nicht alles, was im Internet steht.“ Medienbildung statt Mathematik. Die fand am Ende aber doch noch statt. Zumindest eine halbe Stunde. Im Gegenzug, so musste ich versprechen, sollte ich die Adresse der Webseite nennen, denn alle Kinder wollten zu Hause ihre Eltern zum Narren halten. „Aber wehe, ich bekomme morgen besorgte Anrufe!“, drohe ich zum Schluss.

Frühabends.
Zurück am Schreibtisch im Büro. Die letzten USB-Sticks mit Noten sind eingetroffen und die Zeugniskonferenz für morgen muss wegen einiger Krankheitsfälle neu geplant werden. Wer geht in welchen Raum? Wie sieht der Zeitplan aus?

Dann ist irgendwann Schluss.

Von fast zehn Stunden in der Schule habe ich nur eine einzige vor einer Klasse verbracht. Zeit für eine Mittagspause gab es nicht. Schaue ich zurück, war das heute einer der spannendsten Tage in meinem – an spannenden Tagen nicht mangelnden – Lehrerleben:

  • Beratungsgespräche mit Eltern über persönliche Entwicklung
  • Entwicklungsgespräche mit Politikern über den zukünftigen Weg dieser Schule
  • Fortbildungsgespräche mit externen Fachleuten über ein digitales Kommunikationswerkzeug
  • Aufklärungsgespräche über Digitalistan mit meiner wunderbaren Klasse.

Alles Gründe, warum mir die Arbeit in der Schulleitung mehr Spaß macht, als jemals zuvor.