An unserer Schule, der Gesamtschule auf dem Schießberg in Siegen, nutzen nahezu alle Schülerinnen und Schüler der fünften Klassen ein Surface Go mit einem digitalen Eingabestift. Dessen Batterie hält bei normaler Nutzung etwa ein Jahr. Die intensive Nutzung unserer Schüler hat zur Folge, dass bereits nach der Hälfte der Zeit die ersten Batterien schlapp machten.
Einerseits ist das total positiv: Die Geräte sind nicht gekauft worden, um im Schrank zu vermodern, sondern werden intensiv genutzt. Ein Indiz dafür, dass die Einführung der Tablets ein voller Erfolg ist!

Trotzdem entstehen natürlich Umstände: Die Stifte nutzen eine AAAA Batterie, die im Einzelhandel nur schwer zu bekommen ist. Außerdem sind die Spitzen vieler Stifte ordentlich abgenutzt. Einige Kinder gehen überaus grob mit den Stiften um – nicht nur, dass sie regelmäßig vom Tisch auf den Boden fallen, es wird auch – wie bei einem leeren Filzstift – fester gedrückt oder auf den Bildschirm gehämmert, wenn etwas nicht so läuft, wie man will. Nach einigen Wochen sind hier und da Spitzen weich wie Butter und der Stift wird ungenau, das Schreiben etwas mühsamer.
Auch neue Spitzen bekommt man irgendwie. Am einfachsten via Amazon, etwas umständlicher bei den großen Technik-Ketten und gar nicht sonst.

In der Vergangenheit sind dann meist die Eltern in Aktion getreten und haben – anstelle neuer Tintenpatronen und neuer Stifte – neue Batterien und Spitzen besorgt. Wie immer und an jeder Schule ist das aber nicht immer sofort möglich. Also sind auch wir Lehrer vereinzelt eingesprungen und haben für Ersatz gesorgt. Hier eine Batterie verliehen, dort eine Stiftspitze vergeben.
Letztlich ist das aber nicht das, wo ich hinmöchte – bei langfristig 700 Schülern können wir Lehrer nicht dauerhaft technischen Support leisten. Wir bräuchten einen kleinen Shop dafür oder eine Firma.

Also gründen wir eine.

Eine Gruppe Mädchen aus der 5. Klasse sind Feuer und Flamme. Über das kostenlose Programm „Whiteboard“ haben wir eine gemeinsame Arbeitsplattform und kritzeln über Tage und Wochen hinweg immer wieder Ideen zusammen. Wie soll die Firma heißen? Wie soll das Logo aussehen? Wie kann man die Firma erreichen?

Wir sehen uns relativ selten. Alle Kommunikation findet über das Board und dortige Kommentare statt. Nachmittags oder in den Lernzeiten sitzen die Mädchen zusammen und kommentieren oder entwerfen neue Ideen, jede(r) schreibt in einer anderen Farbe.

Aus meiner Perspektive ist das ein kleines Mosaik-Steinchen in einem Bild, wie ich mir Schule vorstelle: Schüler, die Verantwortung übernehmen. Die kreativ werden und nicht nur passiv konsumieren, sondern aktiv mitgestalten wollen. Nach einem halben Jahr mit dem Tablets in den fünften Klassen hat sich die erste Schülerfirma gegründet. Eine zweite zum Software-Support steht in den Startlöchern: Schüler und Schülerinnen, die ganz wild darauf sind, Mitschülern zur Seite zu stehen. Einige Jungs meiner eigenen Klasse recherchieren, planen und arbeiten daraufhin, im kommenden Jahr eine von ihnen geleitete Minecraft-AG zu realisieren. Im Wochenrhythmus erhalte ich dazu Überlegungen, Anfragen und Ideen.

Wenn ich mir vorstelle, dass sich diese Mädchen und Jungen irgendwann für einen Beruf entscheiden, dann werden sie sich nicht mit der „Erfahrung im Umgang mit Office“-Floskel bewerben, sondern die Geräte wirklich beherrschen. Sie werden schreiben, dass sie bereits in der 5. Klasse kleine Schüler-Firmen oder Arbeitsgemeinschaften gegründet und Verantwortung über Material, Budget und Verkauf getragen haben. Dass sie selbst Projekte angestoßen und für ihre Umsetzung gesorgt haben.

Man kann sich vorstellen, wie da die Perspektiven sind.

So stelle ich mir Schule vor.