„Du bist infiziert!“, kreischt ein Junge und rennt schreiend weg.
In der Mittagspause spielen die Kinder fangen – heute aber tagesaktueller Variante mit Corona-Virus. Immerhin spielen sie es bei uns wild durcheinander und nicht, wie an anderen Schulen, fokussiert auf die asiatischen Mitschüler als Überträger. Rassismus in Zeiten der Globalisierung. Bei uns ist es noch nicht soweit, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden und so kann ich die Zeit gut nutzen, um Aufklärung zu betreiben.

Nicht originär erfunden, aber gut abgeguckt, beschließe ich, mit meinen Fünfern ein naturwissenschaftliches Experiment durchzuführen. Ich habe eine Packung Toast besorgt und dazu verschließbare Frischhaltebeutel.

In den 1. Beutel stecke ich vorsichtig eine Scheibe Toast, direkt aus der Verpackung. Ich bemühe mich, sie möglichst nicht zu berühren.

Eine zweite Scheibe Toast lasse ich durch die Reihen gehen. Sie wird von allen Kindern angefasst, bevor sie im 2. Beutel eingeschlossen wird.

Alle meine Schüler nutzen ein Surface Go als Heft. Die dritte Scheibe Toast wird vorsichtig über jeden Bildschirm gestrichen. Nach dem letzten Computer wandert sie in den 3. Beutel.

Alle Kinder wissen natürlich, dass der beste Schutz im Händewaschen liegt. Also schicke ich sie alle raus in die Toiletten… und begrüße den ersten schon wieder, bevor der letzte den Raum gewaschen hat. Durchschnittlich zehn Sekunden werden sie gebraucht haben. Wieder wandert eine Toastscheibe durch alle Kinderhände und anschließend in den 4. Beutel.

Ich erkläre den Schülerinnen und Schülern den Unterschied zwischen „Händewaschen“ und richtigem „Hände! Waschen!“. Erneut schicke ich alle raus. Erst, wenn sie im Kopf während des Schrubbens zweimal „Happy Birthday“ gesungen haben, dürfen sie wieder zurückkommen, und die fünfte Scheibe Toast anfassen, die dann im 5. Beutel landet.

Bis zum Klingeln sprechen wir noch kurz darüber, in welchem Beutel wir als erstes Schimmelpilze erwarten. Die Klasse stelle ich vor die Wahl, die Beutel mit in mein Büro zu nehmen oder aber im Klassenraum zu lassen – unter der strengen Bedingung, dass sie nur angeguckt, nicht angefasst werden.

Nach einer ABC-Dusche meinerseits treffe ich mich heute Abend mit Kollegen aus Lichtenstein. Sie sind extra angereist, nicht nur, um in den nächsten Tagen unsere Schule und unser digitales Konzept zu bestaunen sondern auch um ihre eigenen Ideen und Projekte vorzustellen. Seit Monaten freue ich mich auf diesen Besuch und habe keinen Zweifel, dass er ganz wunderbar wird.


Update: 14 Tage später

14 Tage später sehen die Toastscheiben überaus unappetitlich aus:

 

links oben: Alle Schülerinnen und Schüler haben das Toast angefasst.

rechts oben: Die Toastscheibe wurde über alle Surface-Geräte gewischt.

links unten: kurzes Händewaschen.

rechts unten: ordentliches Händewaschen.