Systemsprenger

Vor mir liegt der Film „Systemsprenger“, von dem ich mehrfach gehört habe, dass er ganz schrecklich sei und gleichzeitig Pflichtprogramm für jeden, der im Bereich Schule arbeitet. Es geht um ein 9jähriges Mädchen namens „Benni“ und seinen Leidensweg zwischen wechselnden Pflegefamilien, Aufenthalten in der Psychiatrie und Heimen und erfolglosen Teilnahmen an Anti-Aggressions-Trainings. Hier der Trailer zum Film.

Solche Kinder, solche „Systemsprenger“, finden sich an vielen Schulen. Jungen und Mädchen, die schwere Geschichten zu schultern haben und für die „Schule“ oft die einzige Konstante im Leben ist.
Das Problematische ist, dass diese Kinder in diesem System funktionieren müssen, wie alle anderen auch. Ein Lehrer ist für 28 Kinder gleichzeitig verantwortlich. In der Praxis wird dann entweder unverhältnismäßig viel Zeit und Energie in Kinder wie Benni gesteckt und die anderen müssen zurückstecken – oder aber Benni wird schnell vor die Tür und irgendwann an eine andere Schule geschickt.

Auch deshalb ist der Lehrerberuf so anspruchsvoll: Wie kann ich einem Kind, das jahrelang ohne Regeln aufwuchs oder mit Zerbruch oder Missbrauch leben muss, wie kann ich diese oft jahrelangen Versäumnisse innerhalb meines Unterrichts kompensieren?

Vor diesem Hintergrund ist Artikel 1 des Schulgesetzes mehr als nur eine Floskel: Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung, Erziehung und individuelle Förderung.

Auch ich kenne Kinder, die Mühe haben, ins System zu passen. Die schnell frustriert und aggressiv sind. Die jahrelang gelernt haben, dass sich der Stärkere durchsetzt.
Gemeinsam mit unserem Hausmeister habe ich einen kleinen Lagerraum zwischen den Klassenzimmern ausräumen lassen und darin einen alten Boxsack aufgehängt. Gefüllt ist er, wie könnte es in einer Schule anders sein, mit Fundsachen. Wer schon einmal geboxt hat, weiß, dass man schon nach wenigen Minuten völlig außer Atem ist: Länger als drei Minuten hält niemand durch. Zunächst als cooles Highlight betrachtet, soll dieser Raum zu einem Time-Out-Raum werden. Wann immer ein Kind den Drang verspürt, zu explodieren, hat es die Möglichkeit, auf den Sack einzuprügeln.

Das wird einen Menschen erstmal nicht ändern.

Aber es ist ein kleines Mosaiksteinchen in einem langen Leben, wenn man lernt, auf einen alten, mit Fundsachen gefüllten Boxsack einzuprügeln und nicht mehr auf die Mitschüler.

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