Kommende Woche treten die neuen Lehramtsanwärter ihren Dienst an. Für mich die Gelegenheit, noch einmal intensiver über das Statusmodell von Johnstone nachzudenken und der Frage auf den Grund zu gehen: Welches Handwerkszeug macht eigentlich einen guten Lehrer aus?

Inhalt und Medium

Während meines Studiums habe ich eine ganze Menge über Unterrichtsinhalte und und didaktische und methodische Pfade gelernt. Von der Bruchrechnung bis zur Quantenphysik, von typischen Fehlvorstellungen („Strom ist gelb“) bis zum Gruppenpuzzle.
Nur sehr wenig habe ich jedoch über das entscheidende Medium des Unterrichts gelernt: Mich selbst.

Was genau passiert nonverbal an Kommunikation im Klassenraum?  Nicht nur: Wie können die Arbeitsmaterialien zum Ziel führen? Sondern auch: Wie kann ich, als Person, die Kinder anleiten? Nicht nur: Was mache ich, wenn eine Unterrichtssituation eskaliert? Sondern auch: Was ist mein Anteil an der Eskalation?

Ich betrachte mich gerne als Beziehungslehrer. Für richtig guten Unterricht muss ich meine Klasse mögen und – wichtiger noch – sie müssen mich mögen. Aber welche Einflussmöglichkeiten habe ich als Lehrer, im Unterricht eine gelingende Beziehung zu gestalten? Wie erkenne und deute ich die offenen und versteckten Signale, die von einer Klasse ausgehen? Welche Rolle spielt die Art meines Auftretens und welche offenen und versteckten Signale sende ich aus?

Zwei Dinge scheinen mir ziemlich klar: Ich habe große Lücken in diesem Wissensbereich und wenn ich mehr darüber wüsste, wäre ich ein besserer Lehrer.

Den König spielen die anderen

Der britische Dramaturg und Schauspiellehrer Keith Johnstone forderte, auch aus Unzufriedenheit über seine eigene Ausbildung, seine Schauspieler zu mehr Spontaneität heraus. Sie sollten während des Spielens Regeln missachten, das Gegenüber provozieren, Grimassen schneiden und vom Offensichtlichen abzuweichen (er wäre im deutschen Schulsystem bestimmt ein beliebter Kollege gewesen). Damit begründete er nicht nur das moderne Improvisationstheater, sondern er forschte und entwickelte anhand seiner Erfahrungen das Konzept des Hoch- und Tiefstatus, über das ich hier bereits geschrieben habe. Johnstone bemerkte, dass ein Theaterstück erst dann lebendig und überzeugend wirkte, wenn die Zuschauer augenblicklich den Status des Schauspielers erkennen können.

Stellen wir uns eine Bühne vor. Und ein Chef, ein „Boss“ betritt die Bühne. Was haben wir vor Augen?
Langsame, gewichtige Schritte. Abschätziges Mustern der Umgebung. Vielleicht eine ordentliche Wampe und gespannter Gürtel. Wie ein Sheriff, in dessen Gegenwart alle die Köpfe einziehen.

Sehen Sie es?

Und gerade die letzte Bemerkung ist entscheidend, denn sie beschreibt eine bekannte Regel der Theaterbranche: „Den König spielen immer die anderen.“

Was bedeutet das?

Denken wir noch einmal an den Chef, den Boss und stellen ihn uns als König vor. Nur als schwarzer Schemen ohne Gesicht, der auf seinem Thron sitzt. Um ihn herum scharwenzeln die Diener. Kopf gebeugt, niemand sieht ihn an. Wie Ratten huschen sie gebeugt um den Thron, jeder versucht sich möglichst unsichtbar zu machen.

Diese Diener spielen den König. Er muss gar nichts aktiv tun.

Status in der Schule

Blicke ich ins Klassenzimmer, befinde ich mich gegenüber den Schülern in einem gesellschaftlichen Hochstatus. Ich lenke den Unterricht. Ich setze die Ziele. Ich beginne und beende die Stunde. („Leute! Nicht das Klingeln beendet die Stunde, sondern ich!“ – Wer kennt es nicht?)
Dieser Hochstatus war früher sicher viel ausgeprägter als heute. Speziell in der Mittelstufe wird dieser Status von Rasmus, dem Klassenkasper immer wieder in Frage gestellt und die erste und wichtigste Frage von allen Referendaren in der ersten Woche lautet: „Wie gehe ich mit Unterrichtsstörungen um?“

Unbewusste Statusspiele finden unter allen Menschen jeden Tag und bei jeder Begegnung statt. Wir wissen instinktiv, ob wir unserem Gegenüber unter- oder überlegen sind oder ob „Gleichstand“ herrscht. Beginne ich ein Gespräch im Hochstatus (bspw. indem ich meine Tochter mit scharfem Ton zu mir zitiere), dann zwinge ich mein Gegenüber in den Tiefstatus. Beginne ich ein Gespräch dagegen im Tiefstatus („Hallo Herr Müller, könnte ich vielleicht, als nur, wenn es gerade nicht stört, also hätten Sie dann evtl Zeit um sich noch einmal mein kleines Projekt anzusehen?“) dann hebe ich automatisch den Status meines Gegenübers an.

Auf Dauer ist solch ein Ungleichgewicht sehr anstrengend und wir sind intuitiv bemüht, einen Gleichstand herzustellen.

Auf der Bühne ist der König aufgrund seiner gesellschaftlich definierten Position im Hochstatus verankert. Aber dieses König-Diener-Spiel wird schnell langweilig und als Zuschauer warten wir nur darauf, dass einer der Bücklinge etwas Freches tut (z.B. den König hinter seinem Rücken nachäfft) um den Status des Königs irgendwie herabzusetzen. Die filmische Entsprechung finden wir in Charlie Chaplin, der in fast allen seinen Filmen im tiefstmöglichen Status (z.B. als Obdachloser) beginnt und im Verlaufe der Filme den Status aller anderen Hochstatusfiguren herabsetzt.

Ganz ähnlich ist die Situation im Klassenraum: Rasmus will den Status des Lehrers herabsetzen, weil es sonst auf Dauer langweilig wird. Und die Klasse liebt ihn dafür.

Statusformen

Johnstone zufolge kann man drei verschiedene Formen von Hoch- und Tiefstatus unterscheiden:

  • den gesellschaftlichen Status (König oder Diener)
  • den natürlichen Status (Rampensau oder graue Maus)
  • den gespielten Status (die Kunst, in einen Status wechselhaft so zu spielen, dass man eine Situation steuern kann)

An dieser Stelle eine kurze Nebenbemerkung, auf die ich in späteren Teilen noch eingehen werde: Auch wenn man es zunächst schwerfällt, sind Hoch- und Tiefstatus nicht zu bewerten. Keiner von beiden ist besser als der andere. Als konkretes Beispiel sei Inspektor Columbo erwähnt: In jedem seiner Krimis gibt er sich als vertrottelter Polizist aus, spielt bis zur letzten Szene den Tiefstatus und steuert aus dieser Position heraus das Geschehen.

Gesellschaftlich definiert sind Lehrer gegenüber den Schülern im Hochstatus – der jedoch zunehmend in Frage gestellt wird. Nicht nur von den Kindern sondern auch den Eltern. Immer häufiger wird versucht, dessen Hochstatus herabzusetzen. Lehrer, die auch natürliche Hochstatusspieler sind, können diesen Mangel an Autorität durch ihre Persönlichkeit oft auffangen. Sie werden manchmal als „geborene Lehrer“ bezeichnet, die scheinbar mühelos jede Klasse im Griff haben.

Aber wie geht das?

Ausblick

Genau mit dieser Frage möchte ich mich in dieser Reihe in den nächsten Wochen auseinandersetzen. Dabei soll es hier nicht um Unterrichtsinhalte, Methoden oder Didaktiken gehen, die ohne jeden Zweifel wesentliche Elemente eines gelingenden Unterricht sind.

Die Grundlage all dessen, was ich hier schreibe ist die Einsicht in einen fundamentalen Fehler, der mir während des Studiums eingebläut wurde: Der Lehrer ist der König im Klassenzimmer. Er bestimmt.

Jahrelang hatte ich im Kopf, dass ich mich im Klassenraum ununterbrochen im Hochstatus befinden müsse. Aber das ist völlig falsch.

Um im Klassenraum wirklich respektiert zu werden, genügt kein Abitur und kein Staatsexamen. Ich muss mir die Autorität verdienen. Und wie das geht, davon möchte ich erzählen und lade euch wie immer ein, dass Gelesene zu kommentieren.


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