In einer Reihe von Artikeln setze ich mich mit der Frage auseinander: Welches Handwerkszeug macht eigentlich einen guten Lehrer aus? Dabei stehen ausnahmsweise nicht Stoffvermittlung, Methoden oder die Didaktik im Fokus, sondern der Lehrer als Person.

Der Lehrer als Schauspieler

Der „Lehrer als Schauspieler im Klassenzimmer“ hat zunächst eine negative Konotation. „Schauspielern“, damit verbinden viele Menschen Begriffe wie „vortäuschen“ oder „so tun als ob“ und nicht wenige Lehrer würden die Behauptung, sie seien auch Schauspieler brüsk abweisen.

Verschieben wir unsere Perspektive jedoch, gewinnt das Verb „schauspielern“ eine Tiefe, die uns eine Verknüpfung zum Klassenzimmer ohne schlechtes Gewissen ermöglicht. Ein guter Schauspieler kann seine Gesten, seine Mimik und seine Bewegungen kontrolliert einsetzen. Er steuert seine Körpersprache ganz bewusst und mit dem bestimmten Ziel, einen Charakter oder eine Emotion auszudrücken.

Nun werden Lehrer, im Unterschied zu einem Schauspieler, ihren Charakter und ihre Emotionen sicher – oder hoffentlich – nicht nur vortäuschen und spielen. Aber beiden ist gemein, dass sie um die Techniken wissen, Körpersprache gezielt einzusetzen. Als Lehrer (und das schreibe ich gerade als Mathematik- und Physiklehrer) kann es nie falsch sein, sich von den Theaterpädagogen inspirieren und fortbilden zu lassen.

Hoch- und Tiefstatus

Zur Erinnerung. Dem Schauspiellehrer Johnstone zufolge gibt es drei verschiedene Arten von Status:

  • den gesellschaftlichen Status (König oder Diener)
  • den natürlichen Status (Rampensau oder graue Maus)
  • den gespielten Status (die Kunst, in einen Status wechselhaft so zu spielen, dass man eine Situation steuern kann)

Die ersten beiden sind uns inne. Dabei variiert der gesellschaftliche Status je nachdem, in welcher Umgebung wir uns befinden: Als Lehrer kann ich vormittags in Gesprächen mit Kollegen, Schülern und Eltern ein Wegbereiter und Schulgestalter sein – aber abends auf der Party als der gelten, der einen überbezahlten Halbtagsjob ausübt mit unverschämt langen Ferienzeiten.

Auch der natürliche Status ist tief in uns verankert. Schleppt man mich auf ein gesellschaftliches Event mit mehr als sieben Personen, findet man mich schnell im intensiven, aber stummen Austausch mit den Zimmerpflanzen wieder. Ganz am Rand. Möglichst nicht zu beachten. Eigentlich gar nicht da.

Und weil ich durch meinen Beruf festgelegt bin und man aus mir keinen Disko-Stu mehr machen wird, lässt sich mit dem gespielte Status arbeiten. Er ist der Bereich, der professionell eingesetzt vieles leichter macht.

Bevor wir uns aber damit beschäftigen, schauen wir uns zunächst ein paar Bilder an, denn es ist leichter, über Hoch- und Tiefstatus zu sprechen, wenn man genau weiß, was gemeint ist.

Prominente Statusfiguren

Barack Obama war über acht Jahre lang der Präsident der USA und als solcher der mächtigste Mann der Welt. Im gesellschaftlichen Status gab es niemanden, der über ihm stand, durchaus mit einem König zu vergleichen. Auch sein natürlicher Status entspricht dem des Hochstatus. Ihn wird man auf Partys sicher nicht im Gespräch mit dem Ficus finden.

Obama sitting on chairs (2009)

Darüber hinaus ist Obama jedoch ein begnadeter Statuswechsler und hat diese Fähigkeit im Laufe seines Lebens immer wieder gezielt eingesetzt.

Im Sommer 2009 wurde ein Foto von Obama publiziert, wie er in der Sonne in Paris auf den Stufen der US Botschaft sitzt. Lässig nach hinten gelehnt, im Gespräch mit seinen Beratern, die auf den Stufen stehen und auf ihn hinabblicken.

Medienpolitisch ein großartiges Bild! Der mächtigste Mensch der Welt (Hochstatus) sitzt entspannt wie ein Student auf dem Boden (Tiefstatus) und blickt zu seinen Beratern empor (Tiefstatus). Es entsteht das Bild eines Mannes, der um seine Autorität weiß und sie daher nicht zur Schau stellen muss. Obama geht auf diesem Bild selbst in den Tiefstatus und – und das ist der Witz an der Sache – erhöht sein Ansehen und seinen Hochstatus noch viel mehr.

Auf YouTube finden sich zahlreiche Videoschnitte mit ähnlichen Inhalten: Obama, der Witze über sich selbst reißt, Obama, der seine Frau in den Himmel lobt, Obama, der Scherze mit seinen Mitarbeitern macht.

Im gleichen Maße, wie er bewusst in den Tiefstatus geht, wächst seine Autorität.

Finden wir diese Situation im Klassenraum wieder? Ein Lehrer, der immer wieder auf Augenhöhe mit seinen Schülern spricht, mit ihnen scherzt und dessen Autorität trotzdem unzweifelhaft über allen steht? 

Dekadenwechsel: Donald Trump ist seit über drei Jahren der Präsident der USA und als solcher der mächtigste Mann der Welt. Im gesellschaftlichen Status gibt es niemanden, der über ihm steht, durchaus mit einem König zu vergleichen. Auch sein natürlicher Status entspricht dem des Hochstatus. Auch ihn wird man auf Partys sicher nicht im Gespräch mit dem Ficus finden.

Donald Trump (by Michael Vadon)

Ein Statusspieler ist Trump jedoch nicht. Sein Hochstatus wird in jeder Pressekonferenz, jedem Video deutlich. Unvergessen der NATO-Gipfel, bei dem er rüde den Premierminister von Montenegro zur Seite schubste. Auf viele Menschen wirkt das befremdlich und er wird kritisiert und für seine Art veralbert.

Diese Kritik nimmt Trump zum Anlass, seinen Hochstatus weiter zu zementieren: Er spricht über seine herausragende Intelligenz („I am very smart. People say I am the super genius of all time!“), seine Voraussicht in Krisen und seinen eigenen Erfolg.

Doch je mehr er darauf beharrt, wie großartig er ist, desto suspekter erscheint er vielen Menschen. Er ist immer im Hochstatus – er zwingt sein Gegenüber also immer in den Tiefstatus. Das ist uns Menschen auf Dauer unangenehm und wir sind um Ausgleich bemüht. Den mächtigsten Mann der Welt kann man jedoch nicht in den Tiefstatus zwingen – auch eine Erklärung, weshalb über interne Leaks und Anekdoten versucht wird, eine Art Statusausgleich herzustellen: Man demontiert jemanden, der soweit oben steht.

Finden wir diese Situation im Klassenraum wieder? Ein Lehrer, der auf Kritik der Schüler empfindlich reagiert, sie rauswirft, mit Strafen droht, inkonsequent ist und der von seinen Schülern insgeheim verachtet wird?

Wladimir Putin (Kremlin.ru)

Es fänden sich noch viele weitere Beispiele, die auch stets im geopolitischen Kontext interpretiert werden müssen. Vor einigen Jahren ließ sich der russische Präsident Wladimir Putin mit nacktem Oberkörper beim Fischen und Reiten in der Wildnis ablichten.

Die Bilder wurden in Deutschland eher irritiert wahrgenommen (wollte ich solche Fotos meines eigenen Vaters im Internet sehen?) galten in Russland dagegen als Ausdruck von Männlichkeit, Kraft und Symbolstärke.

Aus dem gleichen Grund finden zahlreiche Amerikaner Donald Trump so großartig: Sein Hang zu Größe und Selbstbewusstsein ist für sie ein Zeichen von Erfolg und Macht und darum erstrebenswert.

In Deutschland sei an den Kniefall Willi Brandts in Warschau erinnert. Der Bundeskanzler des wiedererstarkten Deutschlands, ein hochgeachteter und mächtiger Politiker, fällt auf die Knie und bittet um Vergebung für die Verbrechen des zweiten Weltkriegs.
Dieses Bild kennen auch heute, fünfzig Jahre (!) später immer noch so viele Menschen, weil die Geste des Tiefstatus das Ansehen und die Autorität des Bundeskanzlers enorm gesteigert haben.

Zurück ins Wohnzimmer

Möchte ich als Lehrer von meinen Schülern respektiert und als Autorität anerkannt werden, dann ist es enorm hilfreich, zu einem Experten für Statusverhalten zu werden.

Im ersten Schritt bei mir selbst (Mit welchen Gesten bewirke ich was?) und im zweiten Schritt auch in der Interpretation von Schülerverhalten (Warum reagiert Rasmus gerade so?).

Das erfordert natürlich viel Übung und Zeit – aber die haben wir ja gerade. Der erste Schritt – und sozusagen die Hausaufgabe bis zum nächsten Artikel – ist, über sich selbst herauszufinden, wie der eigene natürliche Status ist und ob man womöglich ein Statuswechsler ist.

Diese Selbstbeobachtung bietet sich an…

  • …wie rede ich beim Frühstück mit meinem Partner?
  • …wie spreche ich mit meinen Kindern wenn ich ihnen bei den Hausaufgaben helfe?
  • …wie gehe ich mit Kolleginnen und Kollegen um?
  • …wie begegne ich Referendaren und wie der Schulleitung?

Wenn man den eigenen, natürlichen Status kennt, den man im Alltag einnimmt ohne darüber nachzudenken und sich dessen Muster und Verhaltensweisen bewusst macht, dann können wir uns auch in die Lage versetzen, sie bewusst und gezielt einzusetzen.

Und dann wird aus einem Lehrer auch ein guter Schauspieler.

Fußnote: Ich wurde (zurecht!) darauf hingewiesen, dass ich entgegen der üblichen Norm in Überschrift und Text ausschließlich vom maskulinen Lehrer spreche und auch meine gewählten Beispiele ausschließlich Männer beschreiben. Das ist korrekt und dafür möchte ich mich entschuldigen. Zur Erklärung sei gesagt, dass ich auf die gendergerechte Schreibweise (die ihr ansonsten in fast all meinen Artikeln findet) hier bewusst verzichtet habe, weil sie den Lesefluß mE hierbei ungemein gestört hätte. Ich bemühe mich zukünftig im Besserung. Insbesondere die Wahl der vier männlichen Politiker war gedankenlos.