Die Sommerferien nähern sich mit großen Schritten. Und während in Villariba noch geputzt wird, wird in Villabacho schon wieder gefeiert zahlreichen Zeitungen noch über das schreckliche Schulsystem, die faulen Lehrer und die unverständliche Politik geschimpft wird, wird den Schulen an vielen Ecken und Enden intensiv gearbeitet. Wenn die geplante Schulöffnung „Plan A“ ist, wie sieht dann der – unter anderem vom SPIEGEL – erfragte „Plan B“ aus?

Dieses Blog dient immer auch dem Perspektivwechsel: Wie sieht Schule, wie sieht Schulleitung von innen aus? Welche Überlegungen werden, gerade in dieser Zeit, angestellt, um einer erneuten Schulschließung zu begegnen?

Der ‚Plan B‘ der Politik

Sowohl Schüler als auch Eltern fragen mich immer wieder an, wie es denn nun nach den Ferien weiterginge. Es werden Antworten gefordert, die nicht nur ich nicht geben kann, sondern überhaupt niemand.

Die Situation ist: Rückkehr zum regulären Unterricht ist geplant. Bei massiv steigenden Infektionszahlen muss man aber ehrlicherweise mit einer erneuten Schulschließung rechnen.

Das von Seiten der Medien nun die Politiker aller Länder gefragt werden, wie denn nun ihr Plan B im Fall einer Schulschließung aussähe, halte ich im gleichen Maße für nachvollziehbar und für unsinnig:

Es gibt Grundschulen, Förderschulen, städtisch geprägte Hauptschulen und ländliche Privatschulen. An einigen Schulen hat jedes Kind ein – vom Schulträger finanziertes – iPad in der Hand, an anderen gibt es ein fünf Jahre altes Samsung Galaxy S4 mit zerbrochenem Display aber keinen familiären Internetanschluss.

Welche Vorgaben auch immer das Ministerium macht: Die Mehrheit der Schulen und Wähler Eltern wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: „Mei, Leuts! Habt ihr jeden Bezug zur Realität verloren? Wie soll das bei uns klappen?!“

Von der Politik sind keine Antworten zu erwarten, weil sie keine liefern kann.

So unbefriedigend es auch erscheinen mag, wenn das Land NRW für das weitere Vorgehen von „maximaler Flexibilität“ spricht – es erscheint mir genau richtig. Denn es müssen jene in Verantwortung genommen werden, die dafür bezahlt werden und die örtliche Situation weit besser kennen, als jeder Politiker: Die Schulen selbst.

Der ‚Plan B‘ der Schulen

Wirklich guter Journalismus hieße – von meiner bescheidenen Warte aus – wenn der SPIEGEL (oder jedes beliebige andere Medium) nun auch den nächsten Schritt machen würde: Zu schauen, wie sich Lehrer und Schulen in zunehmendem Maße vernetzen, fortbilden und vorbereiten. Denn, ob man es glaubt oder nicht, wir sind ja nicht ganz blöd und den meisten von uns macht der Beruf auch richtig Spaß.
Konkret: Vergangenen Samstag haben sich an dieser Stelle 1700 Lehrerinnen und Lehrer in 32 Sessions fortgebildet. Und zwar keine kleinen „Wie benutze ich Kahoot?“-Fortbildungen, sondern mit Themen wie „Warum bedeutet Kultur der Digitalität die Herausforderung von Unterrichtswandel und wie kann dieser praktisch gestaltet werden?“ echte Schulentwicklung. Völlig transparent, so dass jeder mitmachen, mitreden kann.

Jan Vedder schreibt in einer aktuellen Reihe gerade detailliert darüber, wie sich Schule weiterentwickeln lässt und lässt dabei wirklich Fachleute zu den jeweiligen Themen zu Wort kommen.

Guter Journalismus, dessen Ziel es ist, die Leserinnen und Leser zu informieren („Spiegel-Leser wissen mehr“), würde anhand dieser und weiterer Beispiele aufgreifen, wie sich Schulen entwickeln und den – nach der Lektüre informierten Lesern – Argumente in die Hand geben, das Schulleben der eigenen Kinder besser zu beurteilen und die Schulen in die Pflicht zu nehmen.

Aber nicht mit „Ich habe gelesen, Lehrer lassen sich alle krankschreiben und die Politik hat keine Ideen!“ sondern mit „Die Suppenhuhn-Realschule hat übrigens über ihr Konzept XY geschrieben und könnte das nicht auch was für unsere Schule sein?“

Der ‚Plan A‘ meiner Schule

Natürlich bin ich Gefangener meines eigenen Horizonts. Ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen (obwohl mir das sicher nicht geschadet hätte) und die Dinge, über die ich hier schreibe passen zu meiner Schule und meiner Stadt. Diese Einordnung ist wichtig und wie immer gilt: nehmt, bedenkt, kopiert an Gedanken, die euch sinnvoll erscheinen und verwerft, ignoriert, vergesst, was in euren Augen Blödsinn ist.

In den vergangenen Wochen haben wir eine Mischform aus Präsenz- und Fernunterricht durchgeführt – der zugehörige Trendbegriff lautet „blended learning“. Immer in Blöcken sind unsere Schülerinnen und Schüler zwei bis drei Tage am Stück in die Schule gekommen und hatten in den anderen Tagen Fernunterricht.

Dieses Konzept haben wir in Abstimmung mit dem Kollegium und unseren Eltern entworfen, die wir um Ostern herum in einer Homepage-Umfrage über ihre Meinung und ihre Ideen gebeten haben. Alles haben wir angehört, vieles hat uns ermutigt und manches unsere Arbeit gelenkt.

Die Statistik verzeichnet für die letzten 90 Tagen über zweieinhalbtausend geplante Videokonferenzen und achteinhalbtausend direkte Videocalls. Dazu mehr als 200.000 Nachrichten. Hier wurde gearbeitet.

Nun, eine Woche vor den Ferien, haben wir die Eltern erneut um Rückmeldung gebeten. Denn jeder Plan B kann nur gemeinsam mit den Eltern unserer Schülerinnen und Schüler durchgeführt werden. Ihre Meinung ist uns wichtig. So fragen wir bspw., ob für sie das Model „zwei Tage Blockunterricht“ besser ist oder sie sich lieber einen täglichen Wechsel wünschen würden. Denn es geht nicht um uns. Es geht um die Kinder.

Davon ausgehend und einher mit intensiven Überlegungen der letzten Monate nehmen wir den Projektunterricht stark in Angriff. Also Unterricht, bei dem nicht mehr ein im Stundenplan verortetes Fach im Vordergrund steht, sondern ein Projekt oder eine Forschungsaufgabe.

Diese Form des Unterrichts startet man nicht von heute auf morgen. Vorreiter, egal ob im Bereich Digitalisierung, Pädagogik, Didaktik oder Methodik, vergessen manchmal, wie viele Stunden der gedanklichen Vorarbeit sie schon geleistet haben, wenn die Ergebnisse überforderten Zuhörern präsentiert werden.
Auch Projektunterricht muss angeleitet werden, damit weder Kollegen, noch Schüler oder Eltern überfordert werden. Schritt für Schritt.

Um unsere Gedanken zu strukturieren und zusammenzufassen, haben wir als Schulleitung ein Buch geschrieben: „Projektunterricht? Geht doch!“
(das zwischenzeitlich sogar auf Platz 1 der Bestseller-Liste seiner Rubrik gewesen ist!)

Aber es könnte auch „Plan B“ heißen.

‚Plan B‘

Für den Fall, dass es erneut zu Schulschließungen kommt, werden wir – je nach Ausmaß – den Fernunterricht wieder nach oben fahren. In den vergangenen Monaten haben wir intensive Anstrengungen unternommen, den Familien bei der Ausstattung mit Hardware behilflich zu sein, der Umgang auf Software-Ebene ist bei allen inzwischen routiniert.

In den Präsenzunterricht eingepflegt wird dann der Projektunterricht. Dazu nutzen wir einerseits Lücken im Stundenplan, die wir uns schaffen, aber auch die Tatsache, dass wir seit Jahren mit offenen Lernzeiten arbeiten. Zunächst nur sanft als Ergänzung und dann, mit fortschreitender Erfahrung hoffentlich immer mehr und mehr. So lange, bis aus ‚Plan B‘ ‚Plan A‘ wird.

Damit das gelingt, haben wir uns mit dem Kollegium Gedanken gemacht. Projektideen gesammelt. Und ein Handbuch erstellt. Wie man von den ersten, ungelenken Ideen zu einem erfolgreichen Projekt gelangt. Wie man als Lehrer loslässt, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben. Unser Plan B heißt: „So viel Vertrauen  wie möglich, so viel Struktur wie nötig.

So sehr ich mich nach einer Rückkehr zur Normalität sehne – so wenig interessiert sich das Corona-Virus für meine Wünsche. Es kommt, wie es kommt – und wir werden das Bestmögliche draus machen.

Fazit – tl;dr

Die Politik wird keine Antworten geben, weil sie es nicht kann. Dafür sind die Situationen an den Schulen zu unterschiedlich. Antworten findet man, wenn man in die Schulen hineinblickt. Dort findet man Ideen, Konzepte und eine schulformübergreifende, intensive Vernetzung von Lehrern und Schulleitungen.

Und wo man dies nicht findet, hilft vielleicht ein dezenter Hinweis auf die zahlreichen Twitter-Accounts, Lehrer-Blogs und Fortbildungsangebote. Vielleicht eher, als der Ärger über den nächsten großen Spiegel-Artikel.

Denn es gibt Ideen. Zuhauf sogar.