„Weißt du, Amy“, erklärt meine große Tochter der kleinen, während es von den regennassen Blättern auf uns tropft, „das ist ein Zauberwald. Schau mal zum Himmel! Ganz blau! Und trotzdem regnet es noch!“

Wir spazieren durch die Holzbachschlucht und genießen den Tag. Von Walter Moers inspiriert, erfinden die Kinder Fantasiewesen, die hinter jedem Baumstamm, unter jedem Gebüsch leben. „Trompetenhörnchen leben hier. Und Borkenkobolde dort! Die haben so kleine borkige Nasen und ganz moosige Haut.“ Um uns herum scharwenzelt der Hund und hält die Herde zusammen. Die kleine Tochter lauscht mit gespitzten Ohren den Weisheiten der großen.

Vor einem halben Jahr unterzog sich der Schauspieler Will Smith (Men in Black) einer Darmspiegelung und publizierte die Vorbereitung, Durchführung und Nachsorge auf seinem YouTube Kanal. Das stellenweise überaus amüsante Video hat mittlerweile über 3 Millionen Aufrufe und wurde auch deshalb bekannt, weil man bei der Koloskopie ein Geschwulst entfernte, das sich im Nachhinein als (laienhaft ausgedrückt) potentielle Vorstufe von Darmkrebs herausgestellt hat.

In typischer Fall verläuft so: Jemand geht mit starken Bauchschmerzen zum Arzt. Die Bauchschmerzen treten schon länger auf und hin und wieder ist der Stuhlgang auch blutig. Bei einer Darmspiegelung (Koloskopie) wird ein Tumor gefunden. Das geht in Deutschland jedes Jahr rund 60.000 Männern und Frauen so. Bei vielen kommt die Diagnose zu spät. Jedes Jahr sterben in Deutschland rund 25.000 Menschen nur an den Folgen von Darmkrebs.

Als Konsequenz seiner Untersuchung muss sich Will Smith einer Koloskopie nun alle zwei Jahre, statt im üblichen Zehnjahresrhythmus unterziehen. Intention seines Videos ist es, Männer mittleren Alters aufzurufen, die Krebsvorsorge ernst zu nehmen.

Warum erzähle ich das?

Ich selbst entspringe einer leidgeprüften Familie. Meine eigene Mutter starb bereits vor vielen Jahren und zuletzt auch meine wunderbare Tante. Es wäre schlicht dumm, das Thema beiseite zu schieben.

Eine Empfehlung bei genetisch belasteten Familien lautet: Beginne mit der Vorsorge zehn Jahre früher, als das Lebensalter des frühesten Auftauchens bei einem nahen Verwandten ist.
In einfachen Worten: Wenn ein Elternteil mit 40 an Krebs erkrankt ist, sollten die Kinder mit 30 an Vorsorge denken.

Da bin ich schon spät dran. Viele Jahre zu spät, um genau zu sein.

Ich fühle mich kerngesund, genieße die Tage und lebe als Vegetarier und Nicht-Trinker auch einigermaßen gesund. Aber so ist es ja oft, nicht wahr? Alles ist wunderbar, bis eines Tages alles wie ein Kartenhaus im Wind zusammenstürzt.

Also habe ich mir eine Praxis gesucht, mir einen Termin geben lassen und meinen Familiengeschichte erläutert. Da war dann auch keine große Diskussion nötig: Der Arzt stimmte mir zu und erklärte mir die Risiken einer Koloskopie: In seltenen Fällen kann es zu einer Verletzung des Darms kommen, manchmal treten Nebenwirkungen der Anästhesie auf.

Viele Dinge, die ich nicht kenne oder verstehe, erzeugen in mir zunächst ein Unwohlsein. Ungewohnte Verhaltensweisen bei Menschen, Apparaturen deren Funktion mir unverständlich ist, Naturgesetze, die ich nicht verstehe, große politische Umwällkzungen, die ich nicht einordnen kann – all das macht mir Angst. Unwissenheit erzeugt Angst. Was genau passiert da? Warum passiert das? Hilfe!!!
Eine Darmspiegelung? Ist das nicht furchtbar schrecklich? Zumindest eklig? Aber jedenfalls gruselig und immer nur für die anderen Leute relevant? Ältere vor allem?

Diesen Artikel schreibe ich nicht, weil ich denke, meine familiäre Geschichte sei für irgendeinen Leser besonders interessant – sondern weil ich bis letzte Woche keine Ahnung hatte, was eine Darmspiegelung eigentlich bedeutet.

Was genau passiert da? Warum passiert das? Hilfe!!!

Bei dem Vorgespräch erhielt ich ein Paket eines Abführmittels. Um einen Darm untersuchen zu können, muss er leer und möglichst sauber sein. Also war ich angehalten, einige Tage vorher auf Vollkornnahrung zu verzichten, mindestens 24 Stunden zu fasten und dann das Mittel – welches nach billiger Zitronenlimonade schmeckte – am Tag vorher zu mir zu nehmen. Einmal am Nachmittag vor der Untersuchung. Und dann nochmal vier Stunden vorher.
Der Vorgang ist wenig appetitlich – aber biologisch betrachtet ungemein faszinierend: Ich habe mindestens eine Stunde im Internet geforscht, wie Abführmittel auf biologischer und chemischer Ebene funktionieren. Das ist für schlichte Menschen wie mich schier Zauberei.

Am Tag der Untersuchung hat mich meine Frau zum Krankenhaus gefahren (und durfte wegen Corona nicht rein). Nach kurzer Einführung und dem ein oder anderen Scherz über meine außergewöhnliche Körpergröße („Hoffentlich ist das Endoskop lang genug für Sie, hrhr“) bekam ich etwas Propofol injiziert, zählte noch bis…

…und wachte 20 Minuten später wieder auf.

„Wann geht’s denn los?“, wollte ich fragen.
Aber das war natürlich Quatsch. Wahnsinnszeug! Leider ohne halluzinogene Wachträume wie beim letzten Mal. Aber bevor ich auch danach googeln konnte, trat mein Arzt ans Bett, erklärte mir, dass alles ganz wunderbar sei und er mich so schnell nicht wiedersehen müsse.

Das unangenehmste für mich war die Verschiebung der Perspektive: Plötzlich bin ich nicht als Besucher, sondern als Patient im Krankenhaus. Plötzlich betrifft es mich. Plötzlich bin ich mitten drin im Räderwerk.

Normalerweise hätte ich jetzt fünf bis zehn Jahre Ruhe. Auf Grund der familiären Geschichte sind das bei mir eher vier bis fünf Jahre. Und jetzt, wo ich weiß, wie schnell, schmerzlos und unkompliziert der ganze Vorgang ist, werden es wohl vier.
Einige hundert Euro hat mich die Koloskopie gekostet. Ab dem fünfzigsten Lebensjahr oder einer Überweisung vom Hausarzt übernimmt das die Krankenkasse.
Aber was bedeuten Geld und 24 Stunden Unannehmlichkeiten, wenn ich vier Jahre Ruhe erhalte? Ich kenne Menschen, die alles, wirklich alles dafür geben würden, mit mir tauschen zu dürfen. Die sich heute jeden Tag Vorwürfe machen, nicht zur Vorsorge gegangen zu sein.

Denn am Ende geht es nicht nur um mich. Es geht auch um meine wunderbaren Kinder, die ich begleiten will. Zu sehen, wie meine große Tochter heimlich Münzen auf den Waldboden fallen lässt, die die kleine aufgeregt findet: „Noch ein Feenschatz! Da steht eine 5 drauf! Die muss besonders wertvoll sein!“

Es geht darum, jeden einzelnen Tag zu feiern und zu zelebrieren.

Nehmt die Vorsorge ernst. Wenn jemand so simpel Gestricktes wie ich das schafft, dann kann das jeder.