Ich schrieb vor einigen Wochen bereits einmal über Lehrergesundheit und möchte, daran anknüpfend, einen Einblick in die konkreten Belastungen des schulischen Alltags geben und erklären, warum ich Noten in der aktuellen Situation nicht nur für überflüssig, sondern sogar für kontraproduktiv halte.

Warum Noten gerade abgeschafft gehören. 1„Ich wäre gerne der Mann, für den mein Hund mich hält.“ Wann immer ich über diese Weisheit stolpere, muss ich lachen.
Egal wie schlecht mein Tag ist: Mein Hund liebt mich. Tatsächlich behält der Satz auch bei einer Übertragung seine Gültigkeit: „Ich wäre gern der Vater, für den meine Kinder mich halten.“

Die Tage sind gerade anstrengend.

Die Tage gerade empfinde ich, empfinden vermutlich alle, als sehr anstrengend und kräftezerrend.

Obwohl ich mir redlich Mühe gebe, bin ich nachmittags oft zu erschöpft, um noch Verstecken zu spielen, Abenteuergeschichten zu erleben oder Bügelperlen zu bewundern. Manchmal möchte ich einfach nur meine Ruhe und bin von meinen eigenen Kindern genervt.

Das schreibe ich aus der Perspektive eines Lehrers. Mit sicherem Arbeitsplatz. Mit gutem Gehalt.

Schule ist auch deswegen gerade so anstrengend, weil die Kinder dort so anstrengend sind. Es fällt ihnen schwer, sich zu konzentrieren und still sitzen zu bleiben. Der Fokus aufs Wesentliche geht verloren. „Ja, es ist schwer, aber Himmel, es ändert ja nichts. Es stehen Klassenarbeiten an und Noten! Streng dich halt an!“ Aber woran liegt’s?

Die Aufregung über die Maskenpflicht ist Quatsch

Der begeisterten Teilnahme der ehemaligen Bundesfamilienministerin Schröder an einem Protest gegen die Maskenpflicht an Grundschulen nach zu urteilen, liegt es an eben jenem Stück Stoff. Dieses macht den Schulalltag so schwer.
Mir fehlen da – wortwörtlich – die Worte. Irgendwie versuchen wir Lehrerinnen und Lehrer den Laden zusammmenzuhalten und irgendwelche [man denke sich einen verärgerten Ausdruck] machen uns den Job noch schwerer, als er schon ist.

Warum Noten gerade abgeschafft gehören. 2

Ich habe tatsächlich noch kein einziges Kind erlebt, dass ernsthaft unter der Maskenpflicht gelitten hätte. Sie ist, von allen Unannehmlichkeiten die geringste. Und ich wünschte, statt sich über die Maskenpflicht zu echauffieren, würde Frau Schröder mit gleichem Enthusiasmus und gleicher Öffentlichkeitsarbeit einen Blick auf die Noten werfen.

Noten gehören ausgesetzt

Wenn mich meine eigenen Kinder stellenweise so nerven – wie mag es erst meinen Schülerinnen und Schülern in ihren Elternhäusern gehen? Wie viel Stress und Zoff mögen sie nachmittags erleben? Bedingt durch existenzielle Ängste, Jobverlust, maximale Belastung bei ihren Eltern? Wie soll man ernsthaft für gute Noten lernen, wenn man zu Hause angeschrien wird? Oder wenn Mama und Papa sich gegenseitig anbrüllen?

Mit dem Blick auf die Betreuungssituation und das wirtschaftliche System als Ganzes verstehe ich die Argumentation, die Schulen so lang wie möglich offenzuhalten. Aber die Noten?

Ich erkenne einige meiner Schülerinnen und Schüler kaum wieder. So sehr nimmt sie die Situation mit. Noten? Das ist das mit letzte, worauf sie sich konzentrieren können.

Wäre ich in der Bildungspolitik tätig, würde auch ich die Schulen offen halten. So lange es geht. Gerne mit hybriden Lösungen, wo möglich. Aber ich würde die Noten abschaffen und so etwas ‚Druck aus dem Kessel‘ nehmen. Sowohl auf Seiten der Lehrer, als auch der der Eltern und Kinder.

Warum Noten gerade abgeschafft gehören. 3Wäre ich nicht den Noten verpflichtet und einer, am Horizont drohenden Zentralen Abschlussprüfung, dann könnte ich zurückkehren zu entdeckendem Lernen. Hätte Zeit für spielerisches Lernen.
Vermutlich würde ich meine digitale Lerntheke zur Optik im Physikunterricht trotzdem durchführen – aber mit mehr Zeit und Ruhe. Und wenn zwischendurch mal eine Stunde ausfällt, weil man über Sorgen oder Belastungen oder Hoffnungen oder die Ferien sprechen möchte, dann ist das eben so.

In der aktuellen Situation sind die Noten und der damit verbundene Druck eine zusätzliche, unnötige Belastung deren Aussetzung einem positiven Schulklima förderlich wäre. Ich wäre nicht nur gern der Mann, für den mein Hund mich hält und der Vater, für den meine Kinder mich halten.

Ich wäre gern auch der Lehrer, den meine Schülerinnen und Schüler jetzt brauchen.