Als meine Mutter vor vielen Jahren verstarb, hinterließ sie uns Kindern einen langen Abschiedsbrief, voll von Liebe und Dankbarkeit. Dieser Brief hat nichts „gut gemacht“ oder „geheilt“ und noch heute erfüllt mich der Schmerz dieses Verlustes sehr – aber er war ein Trost.

Mit Geburt meiner ältesten Tochter habe auch ich angefangen, einen solchen Brief zu schreiben. Der Gedanke war: Wenn ich morgen tot umfalle, dann möchte ich meinen Kindern ein paar Worte hinterlassen.

Brief

Ich schrieb. Und schrieb. Und schrieb. Wesentliches und Triviales. Wenn meine Tochter etwas zerstörte, stecke ich ein Foto auf eine neue Seite und schrieb den Preis dazu. Das erste Weihnachten. Das erste Wort. Der erste Schritt. Kindergarten. Einschulung. Das zweite Kind. Hoffnungen. Meine Todesangst, wenn ich sehe, wie sie auf der Straße wackelig Fahrrad fährt. Sorgen. Träume. Diskussionen. Trauer und Freude.

In wenigen Stunden oder Tagen werde ich erneut im Kreißsaal stehen. Ein neues Leben umarmen. Festhalten.

Die Zeit bis dahin nutze ich, um erneut zu schreiben. Meine Gedanken zu sortieren und mich – immer wieder – zu fragen, was mich eigentlich wirklich bewegt.

Ich blättere durch die ersten Seiten und, viele hunderte Seiten später, auch die letzten und erkenne die Veränderung. Ich bin jedem Kind ein anderer Vater und neugierig, wie es im dritten Anlauf wird.

Wie das bei uns Lehrern so ist, habe ich meiner Frau noch erklärt, dass morgen ein ganz schlechter Termin sei – da habe ich endlich wieder meine 9er. Und Mittwoch hospitiert uns eine andere Schule (wegen Tabletschule im Aufbau und so) – das ist auch blöd. Wochenende würde passen – aber nicht Samstag, da spielt der BVB!

TeletextFür alle Fälle habe ich meine Schüler mit Aufgaben versorgt. Weil das Internet im Deutschland des Jahres 2020 immer noch zu wünschen übrig lässt, die Dienstrechner vom Land auf sich warten lassen und durch die Stoßlüftung jede Menge Schniefnasen zu beklagen sind, habe ich mich auf jene Technologie besonnen, die schon seit fast 50 Jahren zuverlässig ihren Dienst tut: Den Teletext.

Ich habe festgestellt, dass sich hier nicht nur Lerntheken, sondern auch Briefe schreiben lassen und plane bereits meinen digitalen Nachlass. Das sind mir die 5 DM pro Seite und Tag durchaus wert!

2 Gedanken zu „Briefe schreiben“

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