Konzentrierte Stille herrscht in meinem Klassenraum. Meine Schülerinnen und Schüler schreiben ihre Deutscharbeit und eine Weile hört man nichts als das Kratzen von Kugelschreiberminen auf Papier. Doch dann, nach zaghaftem Klopfen, öffnet sich die Tür und nichts ist mehr so wie vorher.

Weihnachten im Klassenzimmer 1Letzte Woche stand Doro, meine Klassensprecherin, vor mir und fragte, ob wir in der Klasse vielleicht wichteln wollten. Ja, klar, erklärte ich, aber wenn, dann sollten sie es selbst vorbereiten und organisieren – wir Klassenlehrer würden uns da heraushalten.
Dies nicht aus böser Absicht, sondern weil wir die Kinder in Eigenverantwortung bringen wollen. Selbst organisierte Ausflüge, Feste und Feiern haben einen ganz eigenen Charme und werden mehr wertgeschätzt, als fremdbestimmte Aktionen. Und binnen einer Frühstückspause waren Rahmenbedingungen, Namenszettel und eine Kiste zum Ziehen der Zettel vorbereitet. Einen Tag später lag schon das erste, hübsch verpackte Geschenk im Klassenschrank.

Gestern stand Doro wieder vor mir: Ob wir unseren Klassenraum nicht hübsch dekorieren könnten. Weihnachtlich. Wieder das gleiche Spiel. Aufgeregtes Getuschel während den Lernzeiten, ein verabredetes Klassentreffen während der Pause und die Bitte, den Raum nachmittags vorbereiten zu dürfen.

Wie an vielen anderen Schulen auch haben wir im Hintergrund Planungen für möglichen Hybridunterricht getroffen. Ich habe mich,, auch überregional, mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen über deren Ideen und Gedanken unterhalten. Und mehr als einmal erzählten sie mir, dass, auf die Frage, wer denn über ausreichende Rahmenbedingungen verfüge und sich auch vorstellen könne, von zu Hause aus zu arbeiten, einzelne Kinder in Tränen ausgebrochen seien und förmlich bettelten, nicht auf die Liste „Fernunterricht“ gesetzt zu werden.

Für einige ist Schule nicht nur ein Ort, sondern der Lebens-Raum.

Das erinnert mich, immer wieder in erster Linie pädagogisch zu handeln. Natürlich antreiben und ermahnen und erziehen – aber gerade noch mehr herzen, noch mehr Chancen ermöglichen und noch geduldiger sein, als sonst.

Daran denke ich auch, als meine Schülerinnen und Schüler heute ihre Deutscharbeit schreiben. Bis zu dem Punkt, als es an der Tür klopft. Lukas Vater steht in der Tür, in der Linken zwei große Tüten mit Weihnachtsdekoration, in der Rechten einen Weihnachtsbaum. „Stör ich?“, fragt er fröhlich.

Weihnachten im Klassenzimmer 2Während der Klassenlehrerstunde wird diese Woche nicht gespielt, sondern geschmückt. Ira hat ein Dutzend Weihnachtsmannmützen mitgebracht, Agathe eine Lichterkette, Abdul jede Menge Weihnachtskugeln.

Und dann ist da ja noch Lukas Weihnachtsbaum. Es wird geschmückt und gesungen und der digitale Adventskalender unserer Schule gemeinsam bestaunt. Der ganze Klassenraum ist eine einzige Weihnachtsbude. „Es fühlt sich an wie Zuhause“, murmelt Zeynep und ich erahne eine tiefe Sehnsucht.

In all den Jahren habe ich selten eine so intensive, fast schon trotzige Beschäftigung mit Weihnachten erlebt. Es scheint, als würden die Kinder sagen: „So ein Scheiß gerade – aber dann machen wir es uns erst recht schön!“

Und ja, ich liebe sie dafür! Heute ganz besonders!