Die Schulwoche endet bei uns mit einer Klassenlehrerstunde. Oft wird sie genutzt für Organisatorisches und um Klassenrat abzuhalten. Einen wesentlichen Aspekt spielt aber auch Soziales lernen und gemeinsam mit meiner Co-Klassenlehrerin werden bei uns so oft wie möglich erlebnispädagogische Spiele gespielt.

In der aktuellen Zeit, die nicht nur uns Erwachsene durch die Infektionszahlen und das aufgehitzte politische Klima belastet, scheinen mir Übungen, die das Miteinander stärken wichtiger denn je. Leider fallen im gleichen Atemzug viele Kontaktspiele aus meiner Liste heraus. Trotzdem haben wir heute eines umgesetzt.

Dazu haben wir uns in einem großen Raum im Kreis aufgestellt und einen Softball umhergeworfen. Kreuz und quer, hierhin und dorthin. Völlig unspektakulär. Nach einer Weile haben wir – scheinbar zufällig – einen Schüler ausgesucht, den wir mit verbundenen Augen in die Mitte gestellt haben. Nun sollte der Ball einfach an ihm vorbei und über ihn hinweg geworfen werden.
Augenblicklich war zu beobachten, wie der ein oder andere den Ball möglichst nah den den Ohren des „Opfers“ vorbeizischen ließ. Irgendwann landete der Ball wieder in meinen Händen und ich warf mit einem gehässigen Grinsen auf den Schüler in der Mitte. Gekicher bei einigen, theatralische Empörung beim Getroffenen. Der Ball prallte ab und landete bei jemand anderem, der sofort auch auf das Kind in der Mitte warf.

Exakt das war unsere Intention. Zusehen, wie die Schülerinnen und Schüler sich in dieses boshafte Spiel hineinsteigern um anschließend mit ihnen zu reflektieren, was sie da eigentlich getan hätten. Soziales lernen durch soziales Lernen.

Aber dazu kam es nicht.

Wir haben in unserer Klasse ein paar sehr aufmerksame Jungen, die nach wenigen Momenten ihre Stimme erhoben und „Stopp!“ riefen. „Das ist kein lustiges Spiel mehr!“, befand jemand. „Spielverderber“, murmelte ich und meine Co versuchte noch einmal auf unser Opfer zu werfen. Doch das Blatt hatte sich binnen weniger Sekunden gewandelt: Entschieden traten drei, vier, acht, zehn Schülerinnen und Schüler zwischen Klassenlehrerin und ihr Ziel.

Keine Chance. Das Spiel war vorbei.

Auswertung. Gespräch. Reflektion. Warum spielen wir das? Was geschieht hier? Wie habe ich mich verhalten? Wie hast du dich verhalten?

Soziales lernen und soziales Lernen. 1Zum Schluss eine Variation des Spiels: Ein Kind ist als Superstar in der Mitte und wird durch zwei Bodyguards vor den Werfern beschützt. Auch im Anschluss: Wie hat es sich angefühlt, für jemanden verantwortlich zu sein? Wie ging es dir damit, jemanden zu beschützen?

„Lehrer:in“ zu sein, bedeutet Forscher zu sein und Fremdenführer, Entdecker und Geschichtenerzähler. Und es bedeutet, Kinder zu stärken und ihnen ein Gespür für die Gemeinschaft zu schenken. Besonders jenen Kindern, die das nicht von zu Hause aus gelernt haben.

Wie gern ich Physik unterrichte. Wie sehr ich die Arbeit mit meinen 9ern liebe, die im Rahmend es Projektunterrichts gerade ein mittelgroßes Fachwerkhaus bauen. Wie viel Schönheit in einer komplexen mathematischen Aufgabe steckt.

Aber nichts geht über erlebnispädagogische Herausforderungen. Über Soziales lernen. Wenn ich meine Schülerinnen und Schüler betrachte, dann sehe ich Lebenswege. Ahne Vergangenes und Zukünftiges und weiß um die entscheidende Bedeutung sozialen Lernens.

Junge Erwachsene scheitern in der Ausbildung oft nicht, weil sie das Reflexionsgesetz nicht kennen. Oder weil sie Schwierigkeiten mit der Bruchrechnung haben. Sie scheitern, wenn sie nicht teamfähig sind. Wenn sie keinen Blick für andere haben. Wenn sie ihr Handeln nicht reflektieren können.

Bei vielen meiner Schülerinnen und Schüler habe ich ganz große Hoffnung, dass sie es im Leben weit bringen werden. Nicht, weil sie Physik können. Sondern weil sie Soziales gelernt haben.