Die Corona-Krise hat alte Strukturen aufgebrochen und schulisch viel durcheinandergewirbelt. Das bietet auch die Chance, Schule nachhaltig zu verändern. In dieser Artikelreihe beschreibe ich, wie meine Schule diesen Transformationsprozess angeht. Heute: Projektunterricht.

Die Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik werden an Gesamtschulen in NRW zum Fach „Gesellschaftslehre“ (GL) zusammengefasst, ebenso wie die Fächer Biologie, Chemie und Physik oft zu „Naturwissenschaft“ (NW) gebündelt werden.

Dadurch erhält man ein Fach, das (zumindest in der Theorie) den Aspekt des fächerübergreifenden Lernens beinhaltet. In der Praxis stellt sich das oft genug als schwierig heraus: Als Physiklehrer kann ich nur in sehr begrenztem Umfang Inhalte aus der Chemie in meinen Unterricht einbauen, ohne wie ein unsicherer Grundschüler zu wirken (kleiner Werbeblock: Dieser Herausforderung bin ich mit meinen NW Büchern begegnet).

Beide Fächer, GL und NW, bieten jedoch eine tolle Startposition, um Unterrichtsprojekte zu starten:

Projektunterricht

Beispiel GL: Die Industrialisierung lässt sich prima durch die Brille der Geschichte analysieren: Was geschah wann und wo? Aber sie hatte große gesellschaftliche Auswirkungen und hat damit das politische Geschehen der nachfolgenden Jahre und die Gründung von Gewerkschaften beeinflusst. Der Bau von Eisenbahnen wurde vorangetrieben und die zunehmende Verstädterung ist ein Thema für das Fach Erdkunde.

Beispiel NW: Beschäftige ich mich mit der Fledermaus, kann man den Fokus auf die Flugfähigkeit der Tiere legen und viel über Aeronautik lernen (Physik). Das Tier als solches und sein Einfluss auf die Umwelt findet sich in der Biologie wieder und die weltweite Verschiffung von Fledermauskot bietet eine spannende chemische Betrachtungsweise: Woraus besteht Guano eigentlich und warum ist das so ein guter Dünger?

An meiner Schule werden die Fächer GL und NW zukünftig in Form von Projektunterricht gestaltet.

Stundenplan Projektunterricht

Die Schüler*innen erarbeiten sich die Grundlagen eines Themas in Form von Videos, Lesetexten, Quellenarbeit,  Audiodateien und Experimenten vormittags in den Lernbüros. Darüber hinaus gibt es dann jeweils eine Stunde Projektunterricht. Dort wird in Kleingruppen ein thematisches Projekt realisiert: In der Klasse 5 könnte das in Richtung „Wir erstellen Poster über ein Haustier“ sein, in höheren Klassen dann womöglich die Analyse von Spritzmustern einer Toilettenspülung [Link].

Dies ermöglicht eine neue Form von Freiheit: Alle Vorgaben des Lehrplans werden in den Lernbüros erarbeitet – aber der persönlichen Präferenz, dem Interesse kann man in den Projektstunden nachgehen. Dort lässt sich dann vertiefen, erforschen und präsentieren. Stefan erforscht die Aeronautik, Agnes dagegen Guano.

Die Kollegen in den Fachräumen kommen schonmal in die Situation, dass gleichzeitig einige Kinder aus der 6.Klasse den Brennerführerschein machen wollen, während sich die 7er Stabmagnete für ein Experiment ausleihen wollen und daneben die 9er eine Parallelschaltung zusammenstecken.

Das Ziel ist, einen Mittelweg zu finden zwischen Pflichtaufgaben und Grundbildung in den Fächern und der fest eingeplanten Freiraum, den eigenen Interessen nachzuspüren.

Also: Lernbüros. Hauptfächer. Projektunterricht.

Nächstes Mal geht es um unsere Werkstätten.

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