Mein Traum ein kleines Gartenhäuschen mit meinen Kindern aufzubauen ist an der Realität brutal geplatzt. Aber das war am Ende vielleicht auch ganz gut so!

Familienbande

„Ehh… nee, heut nicht, Papa!“ Gelangweilt verschwinden die Kinder in ihren Zimmern. Die Firma Fatmoose (die z.B. Sandkästen in allen Größen anbietet) hat mir ein kleines Häuschen für meinen Garten bereitgestellt und ich hatte die Hoffnung, aus dem Bau ein Familienprojekt mit meinen Töchtern zu machen. Vor meinem inneren Auge sah ich uns schon wie in einem Werbeclip lachen, sägen, bohren. Alles in Zeitlupe natürlich und bei bestem Wetter.

„Gartenarbeit??? Och Papa!“
Holz schleppen? Werkzeug holen? Niemand hat Lust. Lieber schlafen, XBox-Spielen, lesen. Nix tun.

Als Teenager bin ich selbst so oft zur Landarbeit („Der Pferdezaun verliert Strom!“ „Nachher bekommen wir 6 Tonnen Stroh – das muss alles auf den Boden.“) gedrängt worden, dass ich den Fehler bei meinen eigenen Kindern nicht wiederholen mag. Wer keine Lust hat, hat keine Lust. Außerdem war das Schuljahr anstrengend genug – wenn sie vier Wochen lang nur abhängen und sich erholen wollen, dann ist das ihr gutes Recht.

Während ich noch auf den Stufen zum Garten sitze und darüber nachdenke, wie ich meine Frau dazu bringe, mir zu helfen, kommt mein Schwiegerpapa dazu. Arbeitshose. Arbeitsstiefel. Und über der Schulter ein Haufen Bretter. „Währen du hier nur rumsitzt, habe ich schonmal angefangen, das Holz zu streichen!“ grinst er verschmitzt.

„Lebe ein reiches Leben“

Bill Perkins beschreibt in „Lebe ein reiches Leben, statt reich zu sterben“ (Amazon-Link) sehr anschaulich, wie unsinnig das Streben nach Reichtum ist und wie bedeutsam und unersetzlich dagegen Erfahrungen und Zeit.

Das Buch hat mich an vielen Stellen zum Nachdenken gebracht und insbesondere die Perspektive, dass nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die Offenheit für neue Erfahrungen im Alter abnehmen, beschäftigt mich.
Platt gesagt: Man kann sich zwar jetzt vornehmen, Reisen und Fallschirmspringen im hohen Alter zu machen – aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man in jenem fortgeschrittenen Lebensalter weder Mut noch Lust darauf hat, sich aus einem Flugzeug zu stürzen.

Es gibt Dinge, die kann man nicht nachholen. Man macht sie jetzt, oder nie.

Perkins wirbt dafür, in Erinnerungen zu investieren. Sie seien „die beste Dividende“. Und je früher, desto besser, damit man lange von ihnen zehren kann.

Vor zwei Monaten ist ein weiteres nahes Familienmitglied viel zu früh an Krebs verstorben. Nun gibt es niemanden mehr, der mir „von früher“ erzählen kann. Der Erinnerungen und Geschichten weiterträgt.

Gartenarbeit

To Build a Home 1Ich ließ die undankbaren Kinder hinter mir und begann, die Zeit mit meinem Schwiegerpapa bewusst zu erleben. Streichen, sägen, Bohren. Zuhören. Geschichten von früher und Geschichten von noch viel früher. Fachsimpeln. Erklären. Kniffe und Erfahrungswerte. „Das Holz ist schon behandelt, aber wenn wir es nochmal streichen, hält es noch länger“ meint er.

Viele Stunden verbringen wir gemeinsam. Hier und da verwerfen wir den Bauplan und verändern Details. Ich, weil ich ein kreativer Kopf bin und er, weil die Erfahrung eines ganzen Handwerkerlebens manches besser weiß. Wir besorgen die gleichen „Dachziegel“, die auch schon das Hühnerhaus ein paar Meter weiter vor Regen und Sturm schützen. Er baut einen kleinen Zaun rings um das Haus und implementiert eine kleine Beleuchtung. Nicht, dass meine sechsjährige Tochter dort je nach Einbruch der Dunkelheit Partys feiern würde – aber er freut sich diebisch über das kleine Detail.

Dazwischen immer wieder Gespräche. Zuhören. Geschichten. Erklären.

Am Ende ist es wunderbar geworden.

To Build a Home 2

Meine Kinder werden dieses Haus lieben. Darin werden Grassuppen gekocht, Sandeimer ausgekippt und kindliche Abenteuer erlebt.

Aber vielleicht wird dieses kleine Haus mir noch mehr bedeuten.

Denn ich habe es mit dem wunderbarsten Schwiegerpapa der Welt gebaut – und diese Erfahrung wird mir niemand nehmen.