In einer Berufsgruppe, die selbst bewertet und beurteilt sorgen die Stichworte „Kollegiale Hospitation“ und Schüler-Feedback“ nur selten für Begeisterung. Hattie identifizierte in seiner Meta-Studie „Feedback“ als hochgradig relevanten Faktor für erfolgreiches Lernen [Quelle] – warum sollte das nur für Schüler*innen gelten?

An meiner Schule ist die kollegiale Hospitation fester Bestandteil des schulischen Miteinanders. Zumindest, bis Corona uns anderweitig beschäftigt hat. Zwanzig Monate Pandemie haben bei uns an vielen Stellen zum Aufbrechen alter Strukturen geführt: Projektunterricht, Werkstätten und Lernbüros beherrschen den schulischen Alltag.

Die wechselseitigen Hospitationen sind bei uns – in meiner Wahrnehmung – als äußert positiv wahrgenommen worden. Im Vordergrund steht eine Kultur des Miteinanders und der offenen Türen. Spannend (und nicht abschließend zu beantworten) ist die Frage, ob man besser fachgleich hospitiert („Davon habe ich Ahnung, da kann ich was zu sagen.“) oder fachfremd („Ein frischer Blick von Außen tut auch mal gut.“).

Mit einem Kollegen unterhielt ich mich zuletzt darüber, dass wir uns beide wünschten, von den Schülern Rückmeldung über die Arbeit in unseren Lernbüros zu erhalten. (Mehr zu den Lernbüros an dieser Stelle.)

Das nahm ich zum Anlass, in meinem zweitliebsten Lehrerzimmer bei Twitter nachzufragen:

Wenn in Schulen (wie in Universitäten) am Jahresende über Fragebögen die Qualität eures Unterrichts von den Schülern bewertet würde („erklärt viel; sorgt für gute Atmosphäre; etc), dann wäre das…
…puuh, weil…
…gut, weil…

Mir fehlt Feedback. Und das Referendariat. 1

Von 337 abgegebenen Stimmen empfänden rund 85% einen solchen Vorgang als sinnvoll. (Das finde ich spannend – wenn auch verzerrt: Lehrer*innen, die auf Twitter unterwegs sind und Unterrichtsideen posten, leben in einer ständigen Feedbackblase und sind es durchaus gewöhnt, kritische Rückmeldung zu bekommen. In einem Kollegium würde die Umfrage vermutlich anders ausfallen.)

Eine schriftliche Auswertung – die am Ende womöglich der Schulleitung vorliegt – würde ich zunächst einmal als Leistungsdruck empfinden. Ach herrje, was mache ich, wenn da was Schlechtes rauskommt?

So etwas kann belastend fürs Arbeitsklima sein – andererseits kommt man im Leben nur vorwärts, wenn man auch Rückmeldung über die geleistete Arbeit erhält. Ein intelligent gestellter Fragebogen würde auch Stolperfallen vermeiden, die auf den Geschmack der Kinder abzielen:
Frage ich meine Kinder nach Feedback fürs Abendessen lautet die Antwort stets: „Zuviel Gemüse, zu wenig Nachtisch. Papa hat sich Mühe gegeben, war eine drei minus.“

Auch meine Schüler*innen finden meinen Unterricht manchmal öde – trotzdem habe ich (oft genug) einen guten Grund, diese und jene Methode einzusetzen. Auch wenn es nicht immer Spaß und Aufregung bedeutet.

In den letzten zehn Jahren Dienst habe ich sehr viel Zeit und Energie in die Stärkung von Beziehung, Miteinander, Erziehung und Team-Skills gelegt. Heute kann ich schlechte Stunden allein durch Türschwellenpädagogik und flotte Geschichten kaschieren. Bei ehemaligen Schülern bin ich als der Lehrer im Gedächtnis, der mit ihnen ins Fußballstadion gefahren ist. Das verzerrt die Wahrnehmung.

Platt gesagt: Auch, wenn ich richtig schlechten Unterricht mache, fällt das den Schüler*innen nur selten auf.

Das ist am Ende sehr bequem aber hindert mich, besser zu werden.
Ausreden habe ich viele („Die Aufgaben in der Schulleitung frisst Zeit!“ „Drei Kinder, Ehe, Haus & Hof – abends bin ich einfach kaputt!“) und eine Rückmeldung der Kurse fällt auch nie wirklich schlecht aus: Streng. Freundlich. Erklärt. Lustig. Die meisten sind zufrieden. Wem ich in den Hintern treten muss, findet mich blöd.

Was mir ein wenig fehlt, ist jene intensive Zeit des Referendariats, in der ich gezwungen wurde, meine eigenen Stunden von Grund auf zu reflektieren. Witzigerweise kommt eben jenes Referendariat in Twitter ziemlich schlecht weg (ein aktueller Artikel von Björn Noelte dazu hier).

Tatsächlich hätte ich gerne erfahrene, wirklich begabte Kolleg*innen in meinem Unterricht sitzen, mit denen ich im Nachgang alles zerpflücke, Schwächen und Alternativen aufgezeigt bekomme. Auswertungsgespräche, nach denen ich mir gleichzeitig dumm vorkomme, weil ich nicht selbst darauf gekommen bin und das Gefühl habe, meinen Horizont erweitert zu haben.

Das fehlt mir.

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