„Papa, ich lerne übrigens seit einiger Gebärdensprache.“

Im Zusammenhang mit der Bundestagswahl las ich in einem Artikel, dass junge Menschen oft voller Ideale stecken würden, oft begeistert seien, die ganze Welt zu entdecken aber mit zunehmendem Alter würden sie immer konservativer werden – und wählen.

Unter dem Artikel entbrannte eine Diskussion darüber, ob diese Tatsache als Tragödie zu interpretieren sei (weil die jungen Menschen ihre Ideale verlören) oder als Lauf der Dinge, weil die Welt nunmal nicht so einfach sei, wie sie in jungen Jahren scheine.

Ideale BiosphäreIch habe das große Glück, meiner ältesten Tochter beim Erwachsenwerden zusehen zu dürfen. In den letzten Monaten hat sie unzählige Projekte begonnen und mit einer Zielstrebigkeit verfolgt, die mir in ihrem Alter völlig abging. Ich habe das große Glück, sie nur noch anfeuern und ihr hin und wieder eine Tür öffnen zu müssen.
Während ich morgens meiner Jüngsten die ersten Worte beibringe und mittags mit der Mittleren Paw Patrol spiele, diskutiere ich abends mit der Ältesten die Ergebnisse der Bundeswahl. Gemein ist uns allen, von der Jüngsten bis zur Ältesten die Lust am debattieren und diskutieren.

Ich erlebe mich in der Rolle meines eigenen Vaters: Egal, welche Behauptung im Raum stand, stets fand er Argumente für das Gegenteil. „Der Himmel ist blau.“ „Ja, das interpretieren die Rezeptoren in deinen Augen so – aber was ist blau eigentlich? Und bist du sicher, dass wir beide unter blau das gleiche verstehen?“

Politische Diskussionen, Fragen über Ethik haben wir am Küchentisch erlernt. Meine Älteste zu erleben, wie sie für Fridays for Future auf die Straße geht, klare Positionen bezieht und Lust auf immer neue Projekte verspürt, erinnert mich an meine Studentenzeit. Voller Hoffnung. Voller Ideale. Einiges davon ist mir abgegangen – für anderes engagiere ich mich inzwischen politisch.

offene BiosphäreUm nicht völlig in der grauen Lebensrealität von „Steuererklärung noch machen!“, „Auto muss zur Werkstatt“, „Hast du die Wäsche schon aufgehangen?“ und „Haben die Hühner schon Futter?“ zu versumpfen, verfolge ich mit meiner mittleren Tochter kleine Forschungsprojekte. Wir züchten Kristalle die im Dunkeln leuchten und füllen eine Biosphäre (Link) und überlegen, ob die Pflanzen wohl auch auf dem Mars gedeihen würden. „Wie könnten wir das denn herausfinden?“

Eines Tages, so hoffe ich, kehren nicht nur meine Ideale wieder zurück, sondern denken auch meine Kinder wehmütig an diese Zeit zurück. Voll guter Gedanken und Träume.

 

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