PolitikNachdem ich vor einigen Monaten einer demokratischen Partei beigetreten bin, habe ich heute Abend an meiner ersten Fraktionssitzung teilgenommen. Auf den Termin habe ich mich schon seit längerem gefreut und heute morgen meiner Klasse davon erzählt. „Ich habe viel zu oft über Politik geschimpft – aber das geht ja auch leicht. Ab heute muss ich Politik auch machen“, habe ich meinen Schüler*innen erzählt und nicht verschwiegen, dass ich ganz aufgeregt sei: „Mir geht es da wie euch nach den Sommerferien: Ich habe von nix eine Ahnung und hoffe, die richtigen Räume zu finden.“

Wichtigste Frage der Kinder war (neben meiner Parteizugehörigkeit, die ich elegant überging), ob ich heute Abend dann den Bundeskanzler wählen würde und ich versprach fest, morgen davon zu berichten.

Der Drang, mich zumindest rudimentär politisch zu engagieren hat in den letzten Jahren zunehmend an Kraft gewonnen: Es ist leicht über „die da oben“ zu schimpfen, es besser zu wissen und sein Unverständnis zu äußern.
Über Schulleitung schimpfen ist das eine – Schulleiter werden will aber dann doch niemand (Mehr als 1000 Stellen unbesetzt (Quelle)). Über eine von der Realität abgekoppelte Politik zu meckern ist das eine – aber sich engagieren mag dann kaum jemand.

Mein eigenes Unverständnis hat mich oft genug genervt – also bin ich zuerst in die Schulleitung gegangen und nun also auch in die Politik.  Um den „Bundeskanzler zu wählen“ zum Beispiel.

Und tatsächlich habe ich mich heute Abend in diese Aufgabe verliebt.

Zunächst einmal habe ich wahnsinnig wenig verstanden und unwahrscheinlich viel gelernt. Über die Verantwortlichkeiten von Verbandsgemeinden und Ortsgemeinden, den Unterschied zwischen einem Ausschuss und einer Kommission und den Zuständigkeiten von oberen, mittleren und unteren Behörden. Verrückt – aber logisch aufgebaut und witzigerweise in Rheinland-Pfalz (wo ich wohne) ganz anders als in Nordrhein-Westfalen (wo ich arbeite). Die Feuerwehren brauchen neue Fahrzeuge? Woher nehmen wir eine Viertelmillion Euro? Passen die Fahrzeuge dann noch in Hallen? Inzwischen gibt es immer mehr Feuerwehrfrauen – nun müssen einzelne Wehren angepasst werden. Die Schulen brauchen einen Ansprechpartner in Sachen Digitalisierung. Wer soll das werden? Wer soll das finanzieren? Wasser und Abwasser. Bauanträge.

Ein ähnliches Erweckungserlebnis hatte ich vor über zehn Jahren, als mir ein Kollege in einer kleinen Fortbildung das Schulrecht so nahebrachte, dass ich es am liebsten in meine Staatsprüfung als Thema genommen hätte (Quelle). Wie blind ich gegenüber völlig alltäglichen Abläufen bin. Nie habe ich mir Gedanken gemacht, wer sich da im Hintergrund drum kümmert, dass das läuft.

Ich habe gelernt, dass Politik manchmal aus zähem Verhandeln besteht und das, was ich oft als mühsames Mahlen überflüssiger Verwaltungen empfinde, in der Praxis durchaus Sinn und Zweck hat. Politik bedeutet manchmal, bewusst Sand ins Getriebe zu streuen um zu prüfen, ob Entscheidungen dem Wohl der Allgemeinheit dienen oder nur dem eines Einzelnen. Ich bin tief beeindruckt, wenn mir Menschen mit jahrzehntelanger Erfahrung detailliert und gut gelaunt Anträge der Kreisebene darstellen, sezieren und geduldig erklären, was hinter der einen oder anderen Floskel steckt – und wieso eben jene Floskeln langfristig große Auswirkungen haben können.

Ich habe mich heute neu verliebt. In die Lokalpolitik. In Menschen, die hin und wieder Sand ins Getriebe streuen, um „eine Hand wäscht die andere“ zu vermeiden. In Menschen, die großen Spaß an dieser gewaltigen Maschinerie namens „öffentliche Verwaltung“ haben und deren Herz für ihre Region schlägt.

Total abgefahren. Das will ich auch!

 

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2 Gedanken zu „Ich habe mich in die Politik verliebt.“

  1. Me Too, aus ähnlichen Beweggründen bei (vermutlich) der gleichen Partei gelandet. Nach Fachleitung, nun das nächste Funktionsamt, um das Funktionieren in der Gesellschaft besser verstehen zu können, aber auch um die Dinge anders zu gestalten.

  2. Pingback: Ideale begleiten und bewahren - Halbtagsblog

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