KinderZum Abschluss der Woche heute habe ich mir aus meiner Sammlung ein wunderbares pädagogisches Spiel herausgesucht: „PingPong“.

„Typisch Lehrer! Spielt mit den Kindern und bekommt dafür noch ein exorbitantes Gehalt!“
Die Bemerkung eines aufgeregten Internettrolls (der auch Mitglied einer jungen aufgeregten Union ist) über den „chilligen Lehrerberuf“ erinnert mich daran, wie schwierig es oft ist, Dinge von außen zu beurteilen.
Dabei ärgere ich mich weniger über die provokante Äußerung (die auch nur dazu dient, einerseits eine aufgeregte Wählerschaft zu generieren und andererseits aufgeregte Lehrer*innen zu ärgern), als vielmehr: Jau, wieder ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es ist, zu erkennen, was ich da warum mache. Ich spiele ja nur.

 

Ping Pong mit Poolnudel

Was habe ich gemacht?

Die Schüler*innen stellen sich in einem Kreis auf. In der Mitte steht ein Freiwilliger (und nach bald zweieinhalb Jahren Erfahrung in „verrückte Teamspiele“ gibt es immer Freiwillige!) mit einer Poolnudel. Ich werfe den Namen eines Teilnehmers in die Runde und das Kind in der Mitte versucht, den Genannten mit der Poolnudel zu berühren zu hauen. Der kann sich jedoch wehren, indem er schnell den Namen eines anderen Kindes ruft. Wenn jemand getroffen wird, bevor er einen anderen Namen gerufen hat, muss er in die Mitte.

Ich habe mich heute ganz aus dem Spiel rausgenommen und die Schülerinnen und Schüler etwa zwanzig Minuten wild spielen lassen. Und wild wurde es! Ich habe sie selten so laut, so ausgelassen und Tränen lachend gesehen, wie heute am Ende dieser Woche. Das ist aus vielfältigen Gründen bemerkenswert.

1. Reaktionsfähigkeit.

Spiele mit Reaktionsfähigkeit sind selten wirklich fair. Ständig wird ein Kind in dem Moment von der Poolnudel getroffen, indem es auch einen Name ruft kreischt. Das Erlebnis, ungerecht behandelt zu werden ist praktisch permanent vorhanden. Dies kann dazu führen, dass es schnell Diskussionen gibt, ob man nun rechtzeitig einen Namen gesagt hat – Nein! – Doch! – Nein! – verbunden mit Tränen und Frust.

2. „Stopp heißt Stopp“. Grenzüberschreitung.

Eine Poolnudel ist ein verführerisches Instrument, um sie dem ein oder anderen etwas fester als unbedingt nötig über die Rübe zu ziehen. Dann wird daran gezerrt, Grenzen werden überschritten und es entsteht Streit. Schwieriges Terrain für eine 7. Klasse.

3. Stresserfahrung machen.

In Windeseile einen Namen nennen, während das Gegenüber schon zum Schlag ausholt. Oder: In der Mitte stehen und immer zu langsam sein, sich drehen und drehen und niemanden erwischen während alle lachen.

Die Übung treibt den Stresspegel maximal nach oben. Es ist spannend zu sehen, wie gerade Kinder, die empfindlich auf solche Situationen reagieren, damit umgehen. Bildet die Gruppe einen geschützten Raum, indem man auch „versagen darf“? Kann man sich darauf einlassen, getroffen zu werden? Hält man es aus, wenn kurzzeitig 26 Kinder über einen lachen?

Extrem herausfordernd.

Heute: Maximale Ausbeute.
Johlend wurde sich die Poolnudel um die Ohren gehauen, emsig mit ihr gespießt und es wurde gelacht, gelacht, gelacht. Es wurde gelacht, wenn Kinder „kognitive Aussetzer“ hatten und einfach irgendwen schlugen. Es wurde gelacht, wenn Kinder in ihrem Stress Namen von Kindern riefen, die gar nicht in der Klasse sind. Niemand diskutierte. Niemand weinte. Keine Grenzen wurden überschritten. Einem Kind wurde das Getobe zuviel – „Stopp heißt Stopp“ ist eine von unseren drei Schulregeln – und es setzte sich entspannt an den Rand.

Die Auswirkung pädagogischer Spiele

Seit zwei Jahren führen meine Co und ich diese und viele weitere Übungen regelmäßig mit unserer Klasse durch – und die Ergebnisse treten deutlich zutage. Diese Arbeit ist in gleichem Maße „unsichtbar“ wie wichtig. Stressresilienz lässt sich schlecht in einer Klassenarbeit messen, hat aber Einfluss auf alle möglichen Lebensbereiche. Der nicht erlernte Umgang mit Frust führt Jugendliche immer wieder in eine Abwärtsspirale aus Gewalt und mehr Frust.

„Typisch Lehrer! Der Klinge, der spielt heute wieder mit den Kindern!“

Die letzten zehn Minuten des Tages haben wir das Spiel gemeinsam reflektiert. Wie ging es dir damit? Wie hast du den Stress empfunden? Was gab dir Sicherheit? Was war der lustigste Moment?

War richtig gut.

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