Ich kann nicht schlafen. Das passiert oft, wenn mich ein Gedanke beschäftigt und nicht mehr loslässt. Manchmal ist das anstrengend (wenn mir Gespräche oder Entscheidungen nachhängen), aber in den meisten Fällen positiv: Ich beiße mich in Projekt fest und merke, wie es in meinem Oberstübchen anfängt zu rattern.

Aktuell beschäftige ich mich mit meinem zukünftigen Physikkurs und wäge in dieser frühen Arbeitsphase das Für und Wider des Projektes ab.

Mein Ziel ist, die gesamte Physik in eine spielerische Geschichte einzubetten, einen roten Faden zu kreieren, der durch alle Einheiten führt. In meinem eigenen Leistungskurs im letzten Jahrtausend stellte mein Physiklehrer einen Röhrenfernseher vorne und und erklärte: „Am Ende des Leistungskurses werdet ihr verstanden haben, wie der funktioniert.“ Und nach und nach haben wir uns mit den einzelnen Elementen des Fernsehers beschäftigt. Immer wieder tauchte der Mal auf und das empfinde ich rückblickend als sehr hilfreich.

Meiner Erfahrung nach zeigt – grob geschätzt – die Hälfte aller Teilnehmer*innen eines Physik- oder Chemiekurses in der Mittelstufe absolut kein Interesse an den Inhalten. Man sitzt die Zeit ab, tut das nötigste und rettet sich am Schluss mit einem lustlosen Referat auf eine „4“.
Dabei ist auch egal, ob ich Bären vom Schuldach werfe, Würstchen direkt an eine Steckdose anschließe und das mit einer 3D-Kamera filme: Mehr als ein kurzzeitiges Aufflackern ist nicht drin. Ernüchternd, als ich einmal einen ehemaligen Physikschüler traf, der sich an zwar meinen Namen, nicht aber an ein einziges Detail des Unterrichts erinnern konnte. Nada. Niènte.

Für jene Gruppe ist es völlig egal, ob ich aufwändige NASA-Abenteuer kreiere oder nicht – ihre Interessen liegen einfach woanders. Und das ist okay – das Projekt darf sie nur nicht noch zusätzlich nerven.

Entscheidender ist die Frage, ob (und wie!) ein roter Faden jene ermutigt und antreibt, die grundsätzlich ein Interesse an naturwissenschaftlichem Forschen haben. Ob ein spielerisches Element ihnen einen größeren Weitblick für das Fach vermittelt.

Physik bedeutet oft, komplizierte Geräte aus Schränken zu holen, um komplizierte Phänomene zu messen und ihnen komplizierte Namen zu geben: Mit einer „Hall-Sonde“ messe ich „unsichtbare Kräfte“ und nenne das ganze „magnetische Feldstärke“, nur um gleich danach zur „magnetischen Flussdichte“ zu kommen.

Also grüble ich und nähere mich mehr und mehr dem Gedanken, als roten Faden die Reise zur ISS zu gestalten.

Für unsere Lernbüros existieren bereits Texte, Aufgaben und Experimente. Die müsste ich nur aufgreifen und in einen Raumfahrt-Kontext umschreiben: Anstelle von zwei Autos auf einer Straße berechnen wir die Beschleunigung einer startenden Rakete. Fliehkräfte nicht mehr anhand eines Hammerwerfers sondern eines Satelliten, der um die Erde kreist.

Das Thema Luftdruck erklärt sich von selbst. Elektrizitätslehre lässt sich gut einbinden: Hier fällt ein Modul aus, dort muss etwas repariert werden. Halten die Batterien die Lebenserhaltung länger am Leben, wenn sie in Reihe oder wenn sie parallel geschalten sind? Auch die Atomphysik ist naheliegend: Der Mars-Rovers Perseverance nutzt eine Radionuklidbatterie und arbeitet damit seit über einem Jahr. Im Film „Der Marsianer“ wärmt sich Mark Watney an ihr in der Kälte der Marsoberfläche (funktioniert das?).

Physik-Projekt WeltraumUnd so sitze ich denn morgens um vier an meinem Computer und erstelle erste grafische Entwürfe, notiere, skizziere und sammle Ideen.

Es lässt mich nicht los und es tut wahnsinnig gut, mal für eine kurze Zeit (zwischen Corona und dem entsetzlichen Verbrechen in der Ukraine) wieder das zu tun, weswegen ich eigentlich Lehrer geworden bin: Mir Wege auszudenken, wie man unterschiedlichsten Kindern neue Wege bereiten kann, relevante Inhalte nahezubringen.