Traum„Du? Architekt!? Niemals!“
Ein Freund von mir erzählte mir neulich, wie sein Mathematiklehrer ihn Ende der Mittelstufe ausgelacht habe. „Du? Architekt!? Niemals!“
Heute ist er Architekt und hat seine eigene Firma.

Auf Twitter begegnen mir solche Geschichten immer wieder. „Heute bin ich Oberarzt.“ „Inzwischen habe ich promoviert.“ „Grüße an den Lehrer, der…“ [An dieser Stelle einfach irgendwas einfügen.]

Immer, wenn ich dergleichen lese, habe ich ein schlechtes Gewissen – denn auch ich habe so manchen Schülertraum mit meinen Worten zerstört.

Ein Zehntklässler, der gerne „Manager“ werden und Autos teuer verkaufen möchte. Wie, von welchem Geld? Das weiß er nicht. Warum genau Leute von ihm Autos kaufen sollten? Tja. Doch anstatt sich um eine Ausbildung zu kümmern, lebt er in diesem Luftschloss. Geschäftsplan? Nö. Dafür würde er Leute anstellen.

Eine Siebtklässlerin, die zweisprachig aufwächst aber beide Sprachen nur unzureichend beherrscht, schlechte Noten schreibt und auch ansonsten wenig positiv im Vordergrund steht, will YouTuberin werden. Unterstützt von den Eltern. „Du willst dein Geld damit verdienen, dass andere dir beim MineCraft-spielen zugucken?“ Ja, klar!

YouTuber, Fußballstar, Manager, Influencer, Professor, Tester für Reisen und Hotels.

Ich bin ein Traumzerstörer.
Vielleicht eher ein Traumschlösser-Zerstörer.

Und bei jedem dieser Gespräche habe ich innerlich ein schlechtes Gewissen. Denke an meinen Freund, den Architekten. Und an die Ärzte auf Twitter. Jene, denen auch einst prophezeit wurde, sie würden es nicht schaffen.

Eines Tages werde auch ich mit meiner Kritik falsch liegen. Vielleicht lag ich schon falsch. Aber darin läge keine Bitterkeit: Nichts würde mich glücklicher machen, als wenn ehemalige Schüler*innen kommen und sagen: „Ey, aus mir ist doch etwas geworden. Auch, wenn das in Klasse 8 noch nicht so aussah.“

Dazu passt ein Hörbuch, dass ich im Herbst gehört habe: „Die Frau, deren Arm sich hängen ließ“ von Thomas Fritzsche (Amazon-Link*).
Im ersten Teil seines Buches beschreibt Fritzsche – seit über 30 Jahren Psychotherapeut – auf amüsante Weise einige Erlebnisse und Herangehensweisen in seinen Therapie-Sitzungen.
Interessanter empfand ich den zweiten Teil des Buches, in dem er genauer auf die angewendeten Methoden und Möglichkeiten eingeht, die ihm als Psychotherapeuten zur Verfügung stehen. Insbesondere der Teil über die Sprache war faszinierend und auch für mich als Lehrkraft hilfreich.

„Warum hast du dich so verhalten“ bezeichnet Fritzsche bspw. als dumme Frage. Denn sie führt zu nichts und fragt im Grunde nur: Wer oder was ist Schuld an deinem Verhalten? Nur, wenn wir die Antwort finden, wird sich dein Verhalten ändern.

Aber was, wenn wir keinen Schuldigen finden?

Fragen können Klienten zu passiven Opfern machen oder ihnen helfen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden.

„Jetzt versuch einmal, die zu beruhigen!“ impliziert übersetzt: Vielleicht scheiterst Du auch – und dann wird es noch schlimmer. Ein solcher Auftrag bewirkt unter Umständen noch mehr Angst.
„Jetzt versuchst du einmal, noch mehr Angst zu haben!“ ist ein anderer Ansatz: Wenn ich hier scheitere, heißt das etwas völlig anderes.

Ich mag solche Ansätze und bräuchte viel mehr Zeit, viel mehr Übung und viel mehr Erfahrung, um meine Sprache noch deutlicher zu schärfen. Wenn ich die Traumschlösser meiner Schüler*innen zerstöre, dann nie, weil ich ihnen den Erfolg nicht gönnte. Sondern weil wir nur mit ehrlichem Feedback vorwärtskommen und zu meiner Berufsauffassung gehört, jungen Menschen realistischere Perspektiven aufzuzeigen, als zwei Monate vor dem Schulabschluss „Manager“ oder „Professor“ werden zu wollen.

Trotzdem ärgere ich mich jedesmal, wenn ich einen giftigen Gruß an die Lehrer von einst lese und fühle mich gleichsam schuldig.