Vor einer Woche haben in NRW offiziell die Sommerferien begonnen. Drei Tage habe ich mit Organisatorischem verbracht; einen halben Tag beim Streichen einer Wohnung geholfen („Hey Jan, du bist so schön groß – hast du die Woche schon was vor?“) und bin einer familiär-verhassten Tradition gefolgt und habe meinen Bart abrasiert, aber einen Schnurrbart stehen lassen.

Außerdem habe ich Ewald Arenz „Der große Sommer“ via Audible fertig gehört und mochte es sehr leiden. Die leichte Sprache und das vermittelte Gefühl von luftig-sonnigen Sommerferien und dem Leben bei den Großeltern hat viele Jugend-Erinnerungen in mir geweckt. Das war auf eine wehmütig-sehnsüchtige Art schön, auch wenn das Buch nie wirklich in die Tiefe gegangen ist und ich es in einem halben Jahr sicher schon vergessen haben werde.

Etwas anderes wird dagegen (hoffentlich) nachhaltigeren Eindruck hinterlassen – zumindest ist das meine Hoffnung: Seit Wochen spiele ich mit dem Gedanken, mir einen Account bei MasterClass zu erstellen. Master…was?

Wenn man etwas ganz gut kann und ein extrovertierter Mensch ist, macht man sich einen YouTube-Kanal. Dort demonstriert man die Basics in Mathematik, im Kochen, Hühner halten, Autos reparieren oder Excel programmieren.
Wenn man etwas sehr Gefragtes wirklich gut kann, lassen sich diese Videos hinter einer Bezahlschranke verstecken. Es gibt ganze Webseiten, die sich darauf spezialisiert haben, die bekannteste ist vielleicht Skillshare Academy.

Eine andere ist MasterClass. Im Unterschied zu Skillshare Academy haben die ein sehr begrenztes Angebot, dafür sind die Referenten aber auch keine Normalos, sondern die absolute Oberklasse: Hans Zimmer gibt einen Kurs zu Musik. Dan Brown und Margaret Atwood über das Schreiben. Serena Williams und Lewis Hamilton erzählen etwas über Sport und „Winning Mindset“ und so weiter und so fort.
Aber ich bin in (relativer/gefühlter) Armut aufgewachsen: Der Zugang ist nicht billig.

Ich habe mich mit meinem Chef über mein Zaudern gesprochen. „Mach es“, ermunterte er mich zunächst, „aber du wirst enttäuscht werden.“
Ein kritischer Blick und ein Fragezeichen in meinem Gesicht. „Ich habe zweimal solche Kurse in Präsenz bei wirklich, wirklich guten Leuten gemacht. Hm. Hm. Hat mich nicht nachhaltig beeindruckt.“ Ich habe mit kindlich-naivem Optimismus abgewunken und „Papperlapapp“ gemurmelt.

Ich kann vergeudete Lebenszeit nicht leiden. Wirklich gar nicht leiden. Nicht, dass ich nicht auch Ruhe hätte, Stille genieße oder Nachmittage im Garten und mit den Kindern verbringen würde. Es muss nicht immer Vollgas sein, aber stumpfsinniges Totschlagen von Zeit ist mir ein absolutes Gräuel.

Abendschule

Also habe ich es getan.

Und bisher bin ich tatsächlich enttäuscht (aber das würde ich meinem Chef gegenüber nie zugeben!). Natürlich stehe ich erst noch am Anfang – aber nach dreieinhalb Stunden intensiven Mitschreibens und Mitdenkens bin ich doch eher ernüchtert als euphorisch.

Was habe ich jetzt genau gelernt? Hm. Hm. Einige interessante Denkansätze und die ein oder andere spannende Fragestellung – aber jetzt auch nichts, was mich wirklich vom Hocker gehauen hätte.

Was mich dagegen erfreut, ist die Routine allabendlichen Studierens. Wieder hineinzukommen in Denken und Lernen und Mitschreiben – das weckt in mir dann doch die leichte wehmütige Sehnsucht danach, mein Physikstudium noch einmal von vorne zu beginnen. Ach, vielleicht hat mich Ewald Arenz Buch doch mehr beeinflusst, als ich gedacht habe.