Christentum

#32: Die Evolution der Volkszählung

Der Herr wurde zornig über die Israeliten. Darum verleitete er David dazu, sie ins Unglück zu stürzen. Er brachte den König auf den Gedanken, eine Volkszählung durchzuführen.
2. Samuel 24

Satan wollte Unheil über Israel bringen; deshalb brachte er David auf den Gedanken, eine Volkszählung durchzuführen.
1. Chronik 21

Mein erster Impuls ist: Buch zuklappen.
Mein zweiter auch.

Erstens bekomme ich immer Bauchschmerzen, wenn Menschen anfangen, mir vom Teufel zu erzählen und zweitens: Was soll so eine Gegenüberstellung bringen, außer zu demonstrieren, was für ein widersprüchliches, willkürliches Buch die Bibel ist?

Trotzdem (oder gerade deshalb?) ein paar Gedanken über die Evolution der Volkszählung.

Also: Wessen Idee war es denn nun?

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#31 Ein paar Gedanken über Sidon und PEGIDA

Vor wenigen Tagen erschien bei heise online ein Interview mit einer Frau, die früher ein Mann war. Nach über 1000 z.T. gehässigen Kommentaren sieht sich heise gezwungen, dass Forum zu schließen. Zur gleichen Zeit wird auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert: „Scheiß Asylbetrüger!“ „Dreckspack!“ Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren: 120 Likes.

Ein Sprung zurück.

In Genesis 9 lesen wir, wie ein Mann namens Noah einen Weinberg anbaut (nach der Boot-Geschichte), sich betrinkt und schließlich nackt einschläft. Sein Sohn Ham sieht ihn so und erzählt seinen Brüdern davon. Die decken ihn zu und dann wird die Sache hässlich: Noah wacht auf, realisiert was geschehen ist und verflucht Hams Familie, beginnend mit dessen Sohn Kanaan.

In der Antike war ein Fluch keine Kleinigkeit. Insbesondere nicht, wenn der Vater ihn aussprach. Ein Fluch ging über die bloße Bedeutung der Worte hinaus – er hing wie eine Wolke über einem, prägte das ganze Leben.

Hams Sohn Kanaan war also verflucht, was implizierte, dass Kanaans Söhne ebenso verflucht seien, unter anderem dessen ältester Sohn Sidon.

Wir erfahren ferner, dass Sidon eine ganze Reihe Söhne hatte. So viele, dass Sidon als Vater einer ganzen Nation gilt. Einer Nation, die wieder und wieder in der Bibel erwähnt wird.

Im Buch der Richter erobern und unterdrücken die Sidonier die Israeliten.

(Spannend zu bemerken, dass die Geschichte mit einem Vater beginnt, der seinen Sohn verflucht (einer Kleinigkeit?), aber dass diese Wunde schwärt und nicht verheilt, bis – Generationen später – die Nation des Sohnes die des Vaters unterdrückt. Einige Wunden verheilen nie, oder?)

(Außerdem interessant, dass eine Wunde, zugefügt vom eigenen Vater, nicht einfach abgetan werden kann – statt dessen weitet sie sich aus, betrifft Menschen, die eigentlich nichts damit zu tun haben. Warum sind diese zwei Länder im Krieg? Antwort: Weil ein Vater seinen Sohn verflucht hat.)

(Und wo wir gerade dabei sind: Habt ihr in letzter Zeit irgendwelche Filme gesehen, in denen die Charaktere ungelöste Probleme mit ihren Vätern hatten? Natürlich. (Die letzte Greys Anatomy Staffel handelte davon. Die Serie Parenthood fast dauerhaft.) Wir erzählen immer noch die gleichen Geschichten, erleben den gleichen Schmerz – in tausenden Jahren haben sich viele Dinge verändert – und manche gar nicht.)Weiterlesen »#31 Ein paar Gedanken über Sidon und PEGIDA

#17: Unser Kerl lebt

Reden wir über die Auferstehung.

Es gibt vier Bücher, die von Jesus berichten: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie alle erzählen, wie Jesus von einem seiner Freunde verraten wurde, von seinem letzten Mahl mit seinen Freunden, von der Kreuzigung der Römer und dann, wie er von den Toten aufersteht.

Wenn wir in den Evangelien von jener Auferstehung lesen, dann werden die Dinge sehr schnell sehr interessant.

Markus berichtet, dass am ersten Tag der Woche Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome zu Jesus Grab gingen

während

Matthäus sagt, es waren aber die Maria Magdalena und die andere Maria, die zum Grab gingen (Was für ein Nackenschlag: Wie würde es euch ergehen, wenn ihr in die Geschichte eingehen würdet, als die andere Maria!?
Ach wissen Sie – es war die andere Maria.
Hallo Bob, liebst du Maria?
Auf keinen Fall! Ich bin total verschossen in die andere Maria!)

(Okay, jetzt habe ich den andere Maria-Witz ein bisschen überstrapaziert. Aber bitte nicht wegrennen, es gibt noch einiges über Maria zu sagen.)

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#15: Annahmen und AA-Treffen

P1010031Einer meiner Lehrer erzählte mir mal, es gäbe drei Stufen der Mathematik: In der ersten Stufe würde man mit Zahlen rechnen; in der zweiten Stufe mit Buchstaben (x²+y²=z²) aber die eigentliche Mathematik sei in der dritten Stufe zu finden – dort würde man nur noch mit mathematischen Konstrukten und Gebilden um sich werfen.

Wenn man sich einen solches mathematisches Konstrukt ansieht, dann muss es bspw. über ganz bestimmte Elemente verfügen, damit es ein mathematischer „Körper“ ist.

Kluge Physiker haben irgendwann einmal verwundert bemerkt, dass sich die Bausteine der Atome in ganz bestimmte Strukturen einfügen – und diese Strukturen entsprechen haargenau solchen mathematischen Körpern. Und da man bei einem mathematischen Körper wusste, welche Elemente es alles gibt – folgerte man daraus, dass auch noch ein paar subatomare Bausteine an dieser oder jener Stelle zu finden sein müssten.

Nach dem Higgs-Boson, welches als Gottesteilchen zu zweifelhaftem Ruhm gelangte, wurde also nicht einfach so gesucht – sondern anhand mathematischer Konstrukte ahnte man, dass es an einer bestimmten Stelle zu finden sei.

Verblüffend.

Vor einigen Jahren hatten meine Frau und ich einen Kunstprofessor zu Besuch. Ich erwähnte in einem Nebensatz, wie wenig ich von Kunst verstünde und jener Professor erklärte beiläufig, welche tausend Details in einem klassischen Bild zu finden seien. Was die Farben und die Pinselführung aussagte. Welche Symbole und Andeutungen eingearbeitet seien. Es war atemberaubend. Er konnte Bilder lesen.

Ein alter Studienfreund von mir loggte sich einmal – hunderte Kilometer entfernt sitzend – in meinen Computer ein, erstellte im Hintergrund einen neuen Benutzer und das alles während wir gemütlich telefonierten und ich nebenher im Internet surfte und nichts davon wahrnahm. Ein Zauberer in meinen Augen.

Wenn ich solchen Leuten beim Denken, Reden, Arbeiten zusehe, dann komme ich ins Staunen. Wie ein Kind. Ich bin seit zehn Jahren mit einer Pastorin verheiratet – und immer wieder erhalte ich Einblicke und staune, staune, staune.

Ich schreibe das, weil ich – als Christ – in meinem Glauben mit der Bibel anfangen muss. Und die Bibel – wie wir alle wissen – ist die Urheberin zahlreicher Probleme.

Einige Menschen verachten sie – ohne wirklich zu wissen, was darin steht, andere betrachten sie als Hindernis auf dem Weg zu Entwicklung und Aufklärung und wieder andere haben seit Jahren die gleichen Verse auf den Lippen und fragen sich, warum ein jeder – inklusive sie selbst – so gelangweilt ist. Und manche tragen so viel Last und Gepäck mit sich herum, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Mich fasziniert die Bibel sehr. Über die Jahre hat sie sich mir mehr und mehr erschlossen, habe ich mehr und mehr Zugang zu Texten gefunden weil ich mehr und mehr verstanden habe.

Wenn du also ausgebrannt oder genervt bist oder voller ätzender Erfahrungen steckst, wenn es um die Bibel geht – dann ist das heute ein Text für dich 🙂

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#14: Heikel

2014-05-24 10.12.10Obwohl wir schon einige Teile unserer Reihe hinter uns haben, stecken wir immer noch ganz am Anfang.
Heute möchte ich mit einer Geschichte anfangen – einer Geschichte, die mir hilft sich über Wesentlichkeit, Inspiration und Offenbarung Gedanken zu machen.

Vor einigen Jahren schrieb Rob Bell ein Buch namens „Love Wins“ (dt. „Das letzte Wort hat die Liebe„). Zu jener Zeit, als das Buch erschien, meldete sich ein sehr bekannter, amerikanischer Pastor mit großer Anhängerschaft zu Wort, er wolle mit Bell sprechen, weil er große Bedenken ob des Buches habe (Bell erwähnte, dass er zu jener Zeit gelernt habe, dass „große Bedenken“ im Kirchensprech bedeutet, dass jemand richtig angepisst ist..). Bell unterhielt sich mit dem Pastor und fand schnell heraus, dass, wann immer er etwas darüber sagte, wie gut Gott sei, von jenem Pastor eine Erwiderung darüber kam, wie gewaltsam und schrecklich Gott sein könnte.

Beispielsweise sagte Bell: “Jesus sprach über die Erneuerung aller Dinge”
und dann wurde entgegnet: “Aber Gott kann auch ein ganzes Dorf auslöschen wie es im Buch der Richter geschrieben steht.”

Solche Dinge.

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#11: Wie kam sie zu uns?

Ein kurzes Zwischenfazit.

Über einen langen Zeitraum hinweg schrieben Menschen Dinge auf. Vieles von dem, was sie niederschrieben, waren mündlich überlieferte, seit einiger Zeit tradierte Geschichten. Was dann letztlich aufgeschrieben wurde, war buntgefächert: Von Lyrik und Gedichten über Ahnentafeln und Erzählungen hin zu den Evangelien und Texten über die Apokalypse und zahlreichen Briefen.

Die Menschen, die dies aufschrieben hatten Wertvorstellungen, Ansichten, Perspektiven und offensichtliche Punkte, die sie ansprechen wollten.
Wenn wir die kleinen Propheten (Hosea, Micha etc.) studieren, dann können wir die Geburt einer Art Sozialen Gerechtigkeitsempfindens mitverfolgen (man kann eine direkte Verbindung von der sozialen Empörung im Buch Amos bis hin zur Occuy Wall Street Bewegung ziehen).
Die Torah wurde im Exil zusammengestellt, wo die Geschichte über den Exodus und die Flucht aus der Sklaverei auf konkrete Resonanz stieß. Lukas schrieb seine Ansichten über Jesus auf, weil er seinen Lesern bestimmte Punkte nahebringen wollte. Der Apostel Paulus betrachtete Timotheus wie einen Sohn und wollte ihm ganz bestimmte Weisheiten und Ansichten darüber vermitteln, was es bedeutet, Jesus im Kleinasien des ersten Jahrhunderts nachzufolgen.

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#10: Die Macht eines Gedichts

Bis hierher haben wir uns ein paar Erzählungen aus der Bibel angesehen, den Kontext betrachtet und die Einbettung in die Geschichte und wie die Welt seinerzeit aussah und das viele dieser Geschichten nur oberflächlich betrachtet voneinander unabhängige Erzählungen sind.
Es gibt einen roten Faden.
Als nächstes dann wollen wir diesen roten Faden tiefer ergründen und schauen, wie er mit der menschlichen Entwicklung verwoben ist.

In einem Artikel erwähnte ich einmal, dass die Bibel mit einem Gedicht beginnen würde (der Artikel ist lang, aber lesenswert) (er ist wirklich sehr lang – aber auch wirklich lesenswert). Einige weitere Gedanken dazu.Weiterlesen »#10: Die Macht eines Gedichts

#8: Steinewerfer

Steinewerfer

Wir haben bisher einen Blick auf einige alte hebräische Schriften geworfen, die das ein oder andere Ereignis womöglich in neuem Licht erscheinen lassen. Heute wollen wir mal einen Blick in die Evangelien werfen, in eine Geschichte über Jesus und suchen dann nach dem roten Faden, der all das miteinander verbindet.

Also: Steinewerfer.
Eine Frau wird inflagranti bei einem Liebhaber erwischt und die Religionspolizei (was ein entsetzliches Wort) bringt sie (aber nicht ihren Kerl) in den Tempel und klagt sie an. Dabei versuchen die Gelehrten, Jesus die Worte zu entlocken, nach dem Gesetz solle sie gesteinigt werden. Schöne Nächstenliebe, Herr Messias.
Jesus aber kniet sich hin, kritzelt etwas in den Staub und sagt dann:

Derjenige von euch, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Er schreibt noch etwas auf den Boden und schließlich gehen die Ankläger von dannen, bis nur noch Jesus und die Frau zurückbleiben. Er fragt sie, ob irgendwer sie verurteilt, sie sagt Nein, er sagt ihr, dass er das auch nicht tue und sie fortan ohne Sünde leben solle.

Ende der Geschichte.

Bleibt die Frage, was er auf den Boden geschrieben hat.

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