Rohe Eier in der Physik

1. Oktober 2012 8 Von Jan-Martin Klinge

Eine aufregende anstrengende Woche liegt hinter mir. Fünf Korrekturklassen wollen bewältigt werden, dazu Elterngespräche und Unterrichtsvorbereitung. Ach ja, und ein Privatleben habe ich natürlich auch noch. In solchen Zeiten ist es mir wichtig, unterrichtliche Highlights zu schaffen. Und Freitag, in den letzten beiden Stunden der Woche war es soweit.

Die ganze Woche über habe ich mich schon darauf gefreut, mit meinem 11er Physikkurs über Massenträgheit zu sprechen. Massenträgheit ist (sozusagen) die Eigenschaft eines Körpers, seinen aktuellen Zustand beizubehalten – wie auch im Alltag bleibt ein fauler Sack eher mal im Sessel sitzen, als dass er aufsteht und ordentlich Unterricht vorbereitet.
2012-09-28 12.48.26Anregung zu diesem (im Nachhinein großartigen) Experiment habe ich einmal mehr von Martin Kramer.
Der Versuchsaufbau ist ganz einfach: Auf zwei rohe Eier wird eine Holzlatte (10x10x1000) balanciert. Damit die Eier nicht vom Tisch rollen, schlägt Kramer Knete vor. Wie alle schlechten Lehrer die meisten Menschen habe ich keine Knete – eine kostengünstige Alternative sind gezuckerte Gummi-Apfelringe für 69 Cent aus dem Supermarkt. Anschließend wird die Holzlatte in der Mitte durchgeschlagen. Dazu benutzt man zwei unterschiedliche ‘Schlagstöcke’: Einmal ein leichtes Aluminiumrohr und einmal eine schwere Eisenstange. In der Theorie sollte folgendes passieren:
Mit dem Rohr kann man sehr schnell zuschlagen – die Eier bleiben ganz. Die schwere Stange dagegen ist zu langsam und zerstört die Eier. Um ganz sicherzugehen, habe ich den ersten Schlag von einem kampfsporterprobten Schüler durchführen lassen, den zweiten von einer zierlichen Schülerin.

Dieser Versuch gehört in die Rubrik “Ich habe keine Lust Es ist zu teuer, dass im Vorfeld auszuprobieren – wird schon irgendwie klappen!” Für die 2012-09-28 12.53.26Klasse war es sicher ein großer Spaß. Nicht nur weil es der amüsante Abschluss der Woche war, sondern vor allem auch, weil sie nichts aufschreiben und nicht wirklich mitdenken mussten. Demo-Experimente sind halt doch wie Fernsehgucken. Also jedenfalls: Es klappte. Und wie!
Beide Versuche habe ich zweimal wiederholen lassen und beide Male hat es wie gewünscht funktioniert. Wenn es auch eine große Sauerei gibt – den Effekt der Massenträgheit kann man hier sehr schön sehen.

Ein Sicherheitshinweis für Nachahmungstäter: Der Schüler hat in meinem Fall so kräftig zugeschlagen, dass die Bruchstücke der Holzleiste durch das ganze Klassenzimmer geflogen sind. Ein Mindestsicherheitsabstand (und Schutzbrillen) sind unbedingt vonnöten. Der Versuch (inkl. Wiederholungen und Putzarbeit) hat etwa 25 Minuten in Anspruch genommen.
Meine Frau fragte mich, ob es – angesichts der Sauerei – nicht sinnvoll sei, den Versuch auf dem Schulhof durchzuführen. Antwort: Nein. Erstens sind die Schüler auf dem Schulhof weit weniger aufmerksam, als im Klassenzimmer und zweitens hat der Zauber des ‘Verbotenen’ (“ein rohes Ei im Klassenzimmer zerstören”) etwas Aufregendes und somit didaktisch Sinnvolles. Draußen wäre es nicht halb so spannend gewesen.

Natürlich haben wir den Versuch von allen Seiten gefilmt – zumindest meine Variante steht bei Youtube online:

Bleibt – in weiser Voraussicht auf die ersten Kommentare nur noch Folgendes:  Ja – mit Lebensmitteln spielt man nicht. Wir haben auch nicht gespielt, sondern Bildung betrieben.  Smiley