Schlittenfahren (mit Glasknochen)

26. Januar 2013 8 Von Jan-Martin Klinge

P1100813Am Freitag entschlossen sich gleich vier Klassen meiner Schule dazu, im Siegener Umland Schlittenfahren zu gehen. Kalt, eine Menge Schnee und keine Klassenarbeiten mehr – ideale Bedienungen. Zumindest für die meisten Kinder.

Denn die einstündige Wanderung zum ‚Eisernhardt‘ durch verschneiten Wald war schon für das ein oder andere gesunde Kind eine Herausforderung – mit Rollstühlen nicht zu bewältigen. (Etwas stolz darf ich hier sagen, dass meine Klasse den Weg prima geschafft hat – gedenk der fünfstündigen Wanderung bei der Klassenfahrt konnten meine Schüler über diese Herausforderung nur müde lächeln..)

Auch das Schlittenfahren selbst ist für Menschen mit Glasknochen nicht ganz gefahrlos. Erst recht nicht mit über hundert Kindern auf dem Abhang.

Zunächst wird aber eine grundsätzliche Frage aufgeworfen: Kann/Soll ich mit 26 Kindern Schlitten fahren, wenn meine beiden Rolli-Kinder in der Schule bleiben müssen?

Kartenbild

Diese Frage – und auch alle weiteren, die sich dadurch ergeben – wird jeder Lehrer in jeder Situation anders entscheiden. Meine beiden Kids haben das große Glück, Eltern zu haben, die sie wahnsinnig unterstützen: Und so wurden die beiden via Taxi zur Piste gefahren und konnten dort – dick eingepackt in Spezialschlitten – ein wenig von dem Tag mitnehmen. Wirklich bemerkenswert ist, wie die Kinder an meiner Schule jahrgangsstufen-übergreifend Freunde gefunden haben. Nicht nur jetzt während des Ausflugs, auch im Alltag schauen in den Pausen immer wieder mal Schülerinnen und Schüler aus den oberen Klassen bei uns herein, um den beiden ‘Hallo’ zu sagen.
Bisher, da nun ein halbes Jahr vergangen ist, eine gelungene Inklusion. Großen Anteil daran haben auch die Inklusionshelferinnen: Die Mädchen haben zwei erwachsene Helfer, die ihnen durch den Alltag helfen, wo immer sie körperlich an Grenzen stoßen. Für uns Lehrer, die wir seit dem Referendariat nicht unter Beobachtung stehen, kann dies befremdlich wirken. Wer lässt sich bei seiner Arbeit schon gerne zusehen. Noch dazu, wenn ein Haufen halbstarker Jungs mal wieder die eigenen Grenzen auslotet.
Ich für meinen Teil bin äußert glücklich über meine beiden Helferinnen hinten. Sie lesen gemütlich, wenn sie nicht gebraucht werden und sind aber sofort da, P1100882wenn Hilfe vonnöten ist. In vielen Situationen sind wir in Mathematik drei Lehrer, die Fragen beantworten können – so wird die Lerntheken-Arbeit noch entspannter, als sie sowieso schon ist. Auch am Freitag wurden die Mädchen natürlich begleitet und hatten sichtlich großen Spaß – wie alle anderen auch. Es wurden Wettrennen gefahren, viele Schlitten zu langen Schlangen aneinander gebunden, tollkühne Crashs gebaut, über Schlittentechnik gefachsimpelt und über „den verdammten Gegenschnee“ geflucht, der einem ins Gesicht spritzte.

Am Ende bleiben hundert glückliche Kinder, ein halbes Dutzend erschöpfter Kollegen, keine Verletzten und viel, viel Spaß. Ja, auch das ist Lehrerarbeit. Genauso, wie die zweistündige Konferenz am Nachmittag.