Online-Lernen, Schulbücher & Katzenbilder

7. November 2013 9 Von Jan-Martin Klinge

imageVor ein paar Tagen habe ich eine (erneute) Anfrage bekommen, mir doch einmal das Online-Lernportal examtime.de anzusehen und den Leuten Feedback bzw. Anregung zu geben. Das hat ja schon beim Taschenrechner von HP prima geklappt… 🙂

Auf der Homepage steht das Ziel ausformuliert:

Unser Ziel ist einfach; wir wollen die Art wie du lernst verändern.

Das finde ich grundsätzlich erst einmal gut – und tatsächlich vereinen die Macher auf ihrer Homepage die Dinge, die auch ich als lern-effektiv empfinde: Mindmaps, Karteikarten, Quizze. Genau die Dinge, mit denen man sich tatsächlich einen guten Überblick verschaffen und dann Fakten oder Vokabeln gut lernen kann. Dazu kann man Lernpläne und Lerngruppen erstellen, es gibt Prüfungstipps und Erfolgsgeschichten von begeisterten Nutzern.

Alles super also? Eine Empfehlung von einem Lehrer-Blogger? Endlich ein positiver Produkttest?

Leider nein.

Tatsächlich finde ich das Portal gut gelungen: Es ist übersichtlich und ich kann – ohne mich anzumelden – die Kernfeatures begutachten und austesten. Außerdem ist es kostenlos.

Aber ich werde mit dem Grundgedanken: “Lernen online” nicht warm.

Vor einigen Monaten schrieb ich einen Artikel über meine Schwierigkeit mit den heutigen Mathematikbüchern, die mir – kurz gefasst – zu bunt sind.

Folie3So wie auf dem Bild links in etwa sah ein Mathematikbuch vor dreißig Jahren aus:

Oben auf der Seite wurde die Regel erläutert. Und dann folgten zwei, drei Seiten stupides Üben. “Päckchenrechnen” nannte man das. Am Ende konnten die SuS die Regel anwenden. Nicht unbedingt verstehen – aber anwenden.

Folie1Heute sehen Mathematikbücher eher so wie hier aus:

Es gibt einen kleinen Text mit Alltagsbezug. Am Seitenrand immer “Tipps”, zwei bis fünf Fotos und Kompetenz-orientierte Aufgaben. Das bedeutet, mal sollen die Schülerinnen und Schüler rechnen, mal diskutieren, mal den Taschenrechner einsetzen und mal ein Modell entwickeln.

Grundsätzlich bin ich ein großer Anhänger der modernen Version: Den cleveren Kindern wird keine stupide Fleißarbeit zugemutet. Pfiffige Aufgaben in vielen Variationen machen den Unterricht abwechslungsreich und bemühen sich zumindest, die Mathematik mit dem Alltag zu verbinden.

Für leistungsschwächere Schüler sind die Bücher dagegen eine Katastrophe. Die vielen Bilder und Geschichten lenken ab.

Das gleiche gilt für ein Online-Portal.

Lernen mit Karteikarten finde ich super. Habe ich selbst gemacht. Aber Lernen mit Karteikarten funktioniert am besten mit… Karteikarten. Am Rechner lockt Facebook und SPIEGEL ONLINE muss mal wieder gecheckt werden und so weiter. Mein Bruder postete neulich bei Facebook scherzhaft: “Noch 3 Artikel, dann habe ich die Wikipedia durch!” Genau.
Es erfordert einiges an Disziplin, sich aufs Lernen zu konzentrieren, wenn links der Browser blinkt, weil Jenny was geschrieben hat. Studenten sind (zuweilen) dazu in der Lage. Oberstufenschüler vielleicht auch. Aber ich wäre es nicht. Und meine Schüler ganz sicher auch nicht. Ich kann mir vorstellen, dass der entscheidende Faktor die “Lust aufs Lernen” ist: Als Medizinstudent will ich den Aufbau des Nervensystems lernen, weil ich das Fach schließlich freiwillig studiere – aber 20 russische Flüsse und Städte muss ich lernen, weil mein Lehrer mich zwingt (ich lag damals mit einer 6+ absolut im Klassendurchschnitt..).
Dazu kommt, dass man – meiner Erfahrung nach – vor allem beim Erstellen von Karteikarten und Mindmaps lernt. Von Kollegen erstelle Mindmaps kann ich mir stundenlang anschauen – und vergesse doch alles wieder. Erst, wenn ich den Lernstoff selbst strukturiere, mir selbst Gedanken mache, dann habe ich es in meinem Kopf.

Sicher gibt es sicher auch Schüler, die gerne so lernen: Die es als motivierend empfinden, auf einem coolen Online-Portal Fakten und Quizze zu präsentieren. Aber für die Mehrheit wäre das nichts.

Bleiben überdies noch rechtliche Fragen: In einem (Bundes-) Land, indem jeder Kontakt zwischen Lehrern und Schülern via Facebook und Whatsapp verboten ist, zumindest aber kritisch beäugt wird, kann ich schlecht eine Lerngruppe bei einer in Irland sitzenden Firma erstellen. (Ein wirklich guter Artikel über diese Thematik fand sich vor einigen Wochen in der ZEIT und zwar hier.) Gälte hier nicht der gleiche Gruppenzwang, wie auch bei Facebook? Wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Noch dazu: Man kann sich mit seinem Facebook-Account dort anmelden. Bedeutet dies, dass Facebook sehen kann, welcher Schüler welche Übungen lernt? Heidewitzka!

Letzten Ende bin ich vielleicht einfach zu konservativ: Lernen funktioniert bei mir am besten mit Stift und Papier und abgeschaltetem Computer und ich behaupte einfach, dies gilt auch für einen Großteil der Schüler.

Oder kurz gesagt:

Bild1

Übrigens: HP hat uns unsere kritische Auseinandersetzung mit ihrem Wunder-Taschenrechner nicht übel genommen – vorgestern erhielt ich eine Anfrage, ob ich nicht eines ihrer Tablets ausprobieren wolle.. Smiley