Ein “Brigitte-Test” für meine 8er. (I)

11. November 2015 14 Von Jan-Martin Klinge

Im Rahmen eines Pilotprojekts nehmen alle Schüler der Jahrgangsstufe 8 im Kreis Siegen an einer Potentialanalyse teil. Das ist sozusagen ein Brigitte-Test, bei dem man die Fähigkeiten und Interessen der Schüler analysiert. Weil das ganze auf viel positives Feedback gestoßen ist, müssen das ab kommendem Jahr alle Schüler NRWs machen.

Einen ganzen Haufen Achtklässler einen ganzen Tag lang triezen testen – welch schöner Lehrertraum.

Veranstaltet wird diese Analyse nicht von der Brigitte, sondern von verschiedenen privaten Anbietern, als Schule dürfen wir uns unseren Tester aber aussuchen. Erwähnenswert: Pro Schüler kostet das rund 100 Euro – an unserer Schule nimmt dieser Anbieter also mal eben 12.000 € ein. Da fließt also eine ganze Menge Geld.

Los geht es mit einer halbstündigen Erklärung, wie der Tag – und insbesondere der erste Teil der Analyse – ablaufen solle. Herr Müller, ein seriös wirkender Mitarbeiter in Anzug und tief sitzender Oberlehrer-Brille (Typ: Sparkassendirektor) bemüht sich um Ruhe. Er macht sofort deutlich, dass er sich von den Kindern nicht auf der Nase herumtanzen lässt.
Als es nach der Einführung mit dem eigentlichen Test losgehen soll, entdeckt er noch einen klitzekleinen Haken: Die Namen der Schüler sind nach Nachnamen sortiert. Die Kleinigkeit möchte er noch schnell korrigieren. Weitere Minuten vergehen, in denen die Kinder zusehen, wie Herr Müller vorne alle Namen („Wie schreibt man Czykowski?“) nochmal in das System eingibt. Besonders aufregend ist das nicht – und so wird den Schülern auch schnell langweilig und sie blödeln herum.

Nach einer Dreivierteilstunde still sitzen geht es endlich los.

Alle sind in 4er-Gruppen eingeteilt. Über kleine Fernbedienungen dürfen sie an die Wand projizierte Fragen unterschiedlich (“trifft zu” ..  “trifft nicht zu”) beantworten. Es folgen 23 Fragen, die sich aber nur auf Schüler A jeder Gruppe beziehen. A bewertet sich selbst und wird von B, C und D fremdbewertet. Jede Frage wird zwanzig Sekunden lang eingeblendet und man kann sehen, wer schon geantwortet hat und wer nicht.

Das dauert etwa zehn Minuten.

Dann kommen die gleichen 23 Fragen, die sich jetzt aber nur auf Schüler B beziehen.

Das dauert noch einmal zehn Minuten.

20151111_102943Mittlerweile sind die Kinder unruhig und – vor allem – gelangweilt. Herr Müller müht sich immer wieder um Ruhe, aber man spürt ihm jene persönliche Verletztheit ab, die auch schechten Lehrern oft zu Eigen ist. Er wird zunehmend ungeduldiger und wütender. Dabei muss ich meiner Klasse durchaus ein Lob ausprechen – ich wäre in der achten Klasse damals sicher deutlich provokanter gewesen. Immer wieder werden einzelne aufgefordert, doch schneller zu antworten (“Jonathan – jetzt mach vorwärts!”) nur um dann bei der nächsten Frage gesagt zu bekommen, sie sollten leiser sein und die Fragen „gefälligst ernst nehmen.“ Ringt ein Schüler dann mal länger als die vorgegebenen zwanzig Sekunden mit einer Antwort, mahnt ihn Herr Müller schroff ab. Eine etwas unangenehme Atmosphäre entsteht.

Weiter geht es. Die gleichen 23 Fragen, die sich jetzt natürlich auf Schüler C beziehen.

Die Schüler haben Hunger. 10 Uhr ist durch, aber kein Ende in Sicht. Noch lange nicht. Auch Herr Müller hat Hunger. Er gießt sich nämlich duftenden Tee aus einer Thermoskanne ein und holt eine Stulle aus seiner Tasche. Während die Kinder zum dritten Mal die gleichen Fragen beantworten und sich kaum mehr konzentrieren können und wollen, wabert der Geruch von frischem Brot durch den Raum. Von vorne blendet die schneeweiße PowerPoint-Präsentation.

Weitere Minuten vergehen. Endlich die letzte Runde: Alles für Schüler D.

Die Kinder sind echt genervt. Die Jungs pisaken sich, Sprüche werden hier und da gemacht – unterbrochen vom ebenfalls genervten Herrn Müller. Zwei Minuten, nachdem er von fehlendem Respekt spricht und man kurz den Eindruck hat, er wolle die Kinder gleich anbrüllen, klingelt sein Handy auf dem Tisch.

Innerlich koche ich.

Erwähnte ich, dass die Leute nur an uns knapp 3000 Euro verdienen?

Dann ist es geschafft. Also der erste Teil der Umfrage.

Denn nun geht es um die persönlichen Interessen. Eine Million redundanter Fragen und die Kinder sollen…
Es vergeht wieder eine Ewigkeit. Herr Müller ist mürrisch. Und weil es ihm offensichtlich keinen Spaß macht, herrscht er die Schüler an, sich zu beeilen. Hinten versinken meine Co und ich in unseren Stühlen. Ausgerechnet die Chaoten der Klasse werden angeranzt, wenn sie ihre Antworten gründlich abwägen. Alle starren entnervt seit anderthalb Stunden auf eine PowerPoint-Präsentation mit weißem Hintergrund. Hunger. Kopfschmerzen. Langeweile. Hunger. Kopfschmerzen. Langeweile. Dreiundzwanzig Mal.

Als wir kurz nach 11 endlich fertig sind, jage ich die Bande nach draußen. Alle sollen mal ein paar Schritte laufen und atmen und den Kopf frei kriegen. Ich werfe die Frage in den Raum, ob wir morgen in den ersten beiden Stunden frühstücken wollten? Begeisterter Jubel. Ein Licht am Horizont. Es gibt noch schöne Dinge im Leben.

Um 11:15 geht es weiter.

In einem großen Raum verteilt sitzt die Klasse an Gruppentischen und muss verschiedene Aufgaben lösen. An jedem Tisch sitzt außerdem ein Mitarbeiter und beobachtet und bewertet das Verhalten der Kinder. Jetzt, da sie nicht nur sitzen und eine Präsentation anstarren müssen, leben alle auf. Leider zielen die Stationen in eine ähnliche Richtung:

  1. 20151111_110854Metallwürfel zusammenbauen
  2. Routenplanung
  3. Stromkreislauf bauen
  4. Planungsaufgabe Party
  5. Gespräch führen und Messung vornehmen
  6. Aufgabe in Form eines Flussdiagramms lösen
  7. Schlüsselanhänger fertigen
  8. Brücke bauen

Meine Co merkt kritisch an, dass es keine künstlerische oder gestalterische Aufgabe gibt. Aber zumindest sind die Kinder dabei. Jetzt auch konzentriert und begeistert. Dieser Teil macht viel Spaß.

In der letzten Phase folgen dann die persönlichen Beratungsgespräche. Während die Jungs und Mädchen in ihren Gruppen bewertet und beraten werden, stehen meine Co und ich draußen. Die sehr sympathische Leiterin des Teams kommt vorbei und strahlt uns an. “Hey. Wie gefällt es Ihnen denn bisher?”

Meine Co wirft mir einen jener warnenden Blicke zu, die auch meine Frau immer wieder auf mich abfeuert – aber da ist es schon zu spät. “Wollen Sie ein höfliches Feedback, oder ein ehrliches?”, entgegne ich.
Im weiteren Verlauf (ich bin höflich ehrlich) müht sich die Teamleiterin, meinen kritischen Anmerkungen vernünftige Argumente entgegenzusetzen. Das tut sie sehr geduldig und nett. Es fällt kein böses Wort und kein schlechter Gedanke – grundsätzlich finde ich den Gedanken der Potentialanalyse auch überaus sinnvoll. Ich selbst habe damals mein Abitur in die Hand gedrückt bekommen und das war es dann. “Sieh zu, was du damit machst.”
Meine Kritik bezieht sich in erster Linie auf den Ablauf (“Der MC-Test wurde (natürlich!) von Psychologen und vielen klugen Köpfen entworfen – darum ist er auch so lang.”), der Frage nach den wirtschaftlichen Interessen hinter der Potentialanalyse und dem Punkt, dass wir als Gesamtschule schon seit vielen Jahren in engem Kontakt zur beruflichen Laufbahn unserer Schüler stehen. Braucht es da wirklich einen Brigitte-Test um herauszufinden, dass man “sehr sozial ist und gut was mit Menschen machen kann”? Hm hm.

Morgen früh wird – wie versprochen – gefrühstückt.
Alle Schüler sollen ihren Ergebnismappen mitbringen und dann werden wir bei warmen Brötchen (ich darf essen, die Kinder müssen natürlich zugucken, berichten und erzählen) und duftendem Tee (Ich: ja. Schüler: nein!) über die Ergebnisse sprechen und ich bin ehrlich gespannt, wie das Feedback aussehen wird.