5 Minuten Schulleitung: Gruppendenken

5 Minuten Schulleitung: Gruppendenken

Mit meinen 9ern (die ich sehr lieb habe!) erlaubte ich mir ein kleines Experiment.
Ich hatte vor, eine unangekündigte Übungsklassenarbeit schreiben zu lassen. Unangekündigt, damit jeder Schüler seinen eigenen Leistungsstand evaluieren kann und eine Übungsklassenarbeit nimmt – als Testlauf – unter möglichst realistischen Bedingungen einiges an Ängsten. Ein besonderes Detail war, dass in der Stunde vorher zufällig genau die Hälfte des Kurses abwesend war. Also weihte ich die verbliebenen Schülerinnen und Schüler in meinen Plan ein: Ich würde am nächsten Morgen mit den Klassenarbeiten erscheinen und sie sollten den Termin unbedingt bestätigen („War doch so abgesprochen!“), die Tische umstellen und loslegen. Ich wollte sehen, was passiert (und außerdem würde es ein amüsanter Scherz.)

Das Konformitätsexperiment von Asch

1950 führte der Psychologe Solomon Asch ein interessantes Experiment durch: Auf eine Tafel zeichnete er zwei Linien unterschiedlicher Länge und eine Versuchsperson sollte angeben, welche Linie die kürzere und welche die längere sei. Saß die Person alleine im Raum, lag sie natürlich immer richtig. Saßen hingegen sieben andere Teilnehmer im Raum, die steif und fest behaupteten, die andere, die längere Linie sei die kurze, dann schloss sich die Versuchsperson in 30% der Fälle dieser Gruppenmeinung an. Konformität nennt die Psychologie das. Gruppendruck nennen wir es in der Schule. „Wenn alle das sagen, passe ich mich an.“

Die Invasion in der Schweinebucht 1961 gilt als eines der größten militärischen und politischen Debakel der USA. Viele, herausragend kluge Leute hatten sie in monatelanger Arbeit vorbereitet und doch war sie – objektiv betrachtet – völlig dilettantisch geplant. Wie konnte das sein? Gruppendruck! Wenn alle von der Idee begeistert sind, dann wird sie schon gut sein. In den vielen Meetings um Präsident Kennedy hatte wohl niemand den Schneid, ernsthaft zu widersprechen.

Spannend an der Situation in meiner 9 war, dass ich nicht als Autorität aufgetreten bin. Dies wäre vom Ansatz her mit dem Milgram-Experiment verbunden gewesen, das die Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten testete. Statt dessen schloss ich nur die Türe auf, murmelte kurz „stellt schonmal die Tische“ und verschwand, um andere Klassenräume aufzuschließen.

Keine Instruktionen, keine Autorität von vorne – nur 15 Schüler, die sich wie selbstverständlich im Klassenarbeitsmodus befanden.  Interessant würde nun, wie die anderen, nichteingeweihten Schüler reagieren würden. Rebellion? Widerspruch? Oder zähneknirschendes Gehorchen?

Schulleitungsperspektive

Mittlerweile betrachte ich vieles, was ich so tue, auch durch die Schulleitungsbrille. Und zwei Fragen liegen auf der Hand: Erstens: Wie oft saß ich schon in Konferenzen und habe meine Meinung zurückgehalten, weil ich nicht der ewige Querulant sein wollte? Und zweitens – noch wichtiger -: wie kann ich in meiner Aufgabe als Schulleitungsmitglied dieser Konformität entgegenwirken? Wie einen Raum schaffen, indem kritisch hinterfragt wird? Wie sehr kann ich jene Kollegen wertschätzen, die stets ein (sachbezogenes) „aber“ setzen? Sehr spannend.

In den letzten zwei Tagen war ich auf dem dritten Teil meiner Schulleitungsfortbildung. Es ging um das Thema Lehrergesundheit und Konferenzplanung. Einiges über Formalia gelernt – aber ganz so spannend wie die ersten Male war es nicht mehr. Liegt vielleicht auch am Termin – zwei Tage vor den Sommerferien ist so eine Fortbildung nur so suboptimal angelegt.

Und die 9er? Die haben sich zunächst zähneknirschend ergeben. Nicht ich, sondern die eingeweihten Mitschüler wurden erst befragt („War echt heute der Termin?“) dann beschimpft („Warum hast du mir das gestern nicht gesagt?“) und endlich, endlich!, als ich die ersten Exemplare der Übungsarbeit schon austeilte, meldete sich ein Schüler und fragte vorsichtig, ob wir nicht eigentlich erst nächste Woche die Arbeit schreiben wollten.

„Oh! Na, dann wird das wohl eine Übungsarbeit sein“, erklärte ich und vernahm allenthalben erleichtertes Aufatmen. „Aber jetzt, wo euer Adrenalinspiegel in die Höhe geschossen ist, könnt ihr sicher konzentriert arbeiten!“, wies ich sie fröhlich an.

Zum Ausklang der Stunde besprach ich mit den Schülern meine Intention. Zuallererst ging es darum, sie in eine angemessene Prüfungssituation zu bringen. Einige Schülerinnen und Schüler können diese Situationen gar nicht oft genug trainieren, um ihre Ängste zu mindern. Außerdem erzählte ich von dem Experiment mit den unterschiedlich langen Strichen und auch von diesem amüsanten (und überaus sehenswerten!) Wartezimmer-Versuch. Von Gruppendruck. Und davon, dass ich sie ermutigen wolle, Querulanten zu sein. Dinge zu hinterfragen.

Großartiger Kurs. Und mindestens die Hälfte ist mir auch nicht böse.

Anmerkung: Die Reihe „5 Minuten Schulleitung“ ist lose angelehnt an meinen Kollegen Thomas Kuban, der unter selbigem Titel bloggt. Ich gestehe, den Titel gestohlen und Kuban auf Twitter dafür meine Seele versprochen zu haben.

3 Replies to “5 Minuten Schulleitung: Gruppendenken”

  1. Kenne das Ash-Experiment, hab es im Seminar aber noch nicht nachgebaut. Gab es dann nun Querulanten in der 9.? Oder „nur“ den Nachfrager? Wenn ich es richtig verstehe, hast Du nicht die Strichlänge schätzen lassen, oder?

    1. Nein, meine Striche waren die fehlerhafte Information, die Klassenarbeit würde schon an diesem Tag geschrieben und die Hälfte der Klasse bestätigte das. Es gab wenig / gar keinen Widerspruch.

  2. Den Teil der Fortbildung, in dem es darum geht, Konformität zu vermeiden, hat unsere SL wohl geschwänzt…
    Finde es total interessant, deinen Werdegang und den Wechsel der Perspektive zu verfolgen – auch wenn SL das Letzte ist, was ich machen wollen würde

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