Neuer Job. Ein bisschen Angst.

Neuer Job. Ein bisschen Angst.

Unser Gehirn betrügt uns. Ununterbrochen.
Wir verklären Dinge im Nachhinein. „Och, so schlimm war das doch gar nicht!“ (War es doch!) Nicht selten auch romantisch. „Die Geburt von unserem Ersten war ganz unkompliziert!“ (HAHA!) Nichts, was man in dem Moment gesagt hätte.
Auch ich erlebe gerade eine Art Geburtsschmerzen und ich weiß, dass ich mich in einem Jahr oder vielen nur noch unscharf erinnern werde. Wenn die Routine da ist. Und Sicherheit.

Aber jetzt?
Die ersten zwei Tage an meiner neuen Schule sind rum und mir raucht der Kopf. Ich versuche mir alles zu merken. Neue Schlüssel. Neues Büro. Neuer Platz im Lehrerzimmer. Neue Fächer. Teamkonferenzen um 11. Fachkonferenzen um 12. Alles auf Anfang. Der Abteilungsleiter soll am Donnerstag bitte die Eltern begrüßen. Wer ist das nochmal? Ach ja, ich! Ich?!
An dieser aufstrebenden Schule ist rund ein Drittel des Kollegiums neu und die alten Hasen sind es gewohnt, mit ständigen Änderungen und Schulentwicklung zu leben.

Ich protokolliere auf dem Surface minutiös, welche Ereignisse wann und wo stattfinden. Wer was wann zu tun hat. Vor allem: Was ich zu tun habe. AG-Plakate einsammeln und aufhängen. Wahlen durchführen und auswerten. Eltern begrüßen. Kinder begrüßen. Klassenraum einrichten. Büro einrichten. Luftballons für das Fest aufpusten. Briefe schreiben. Briefe austeilen. Und. Und. Und.
Das Aufschreiben hilft.
Es wird mir vor allem nächstes Jahr helfen, mich zu erinnern.

Sowohl Schulleitung als auch Kollegium geben mir das Gefühl, willkommen zu sein. Immer wieder werde ich aufgefordert, zu fragen, zu fragen, zu fragen. Ein absoluter Traum! Und doch fühle ich mich wie ein tapsiger (zwei Meter großer) Erstklässler, der mit großen Augen erste Schritte in eine neue Welt macht. Ein krass absurder Gegensatz zu der Routine und Sicherheit, die ich in den letzten Jahren erlebt habe.

Es kostet Mühe, mich zu erinnern, dass ich genau das wollte. Neues.

Uns Internet-Menschen wird zuweilen vorgeworfen, allzu selbstgefällige Narzissten zu sein. Über großartige Erfolge zu schreiben. Wie wir mühelos jener Herausforderung gegenübertreten. Eine Fortbildung nach der nächsten meistern. Sehet und bewundert mich! Dieser Artikel ist auch und ganz deutlich als Erinnerung daran zu verstehen, dass das Quatsch ist. Ich bin nicht so sehr der tolle Lehrer der letzten Jahre – ich bin nicht mal die Figur auf dem Symbolbild. Ich bin eher der dritte Mann darauf.

Welcher dritte Mann?

Der, der schon vor 5 Minuten davon gerannt ist!

6 Replies to “Neuer Job. Ein bisschen Angst.”

  1. Ich wünsche dir einen guten Start – nach 2 Tagen ist man immer noch im Startmodus. Ich darf das mal so feststellen, da ich seit 1. August auch in einer neuen Position bin. Von Schule an Uni – bin in manchen Dingen schon mittendrin, in anderen noch nicht mal beim ersten Schritt.
    Was schön ist und bei dir auch so klingt – sich willkommen fühlen. Das kann ich nur bestätigen, ein schönes Gefühl, das unheimlich hilft und motiviert.
    Also dann mal – weiter so!

  2. Alles ist schwer, bevor es leicht wird!
    So eine Plattitüde und doch wahr…
    Alles Gute für den Neustart. Ich denke auch- das Wilkommen-heißen ist wertvoll und irgendwann merkt man, dass man doch schwimmen kann. Und deine Ehrlichkeit ist so symphatisch, ich wünsch dir, dass du dir das auch in deiner jetzt „höheren Position“ behalten kannst.
    Viele Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.