Ferien. Fast.

Ferien. Fast.

Es ist der Freitag vor den Herbstferien, früher Nachmittag. Man kann die schreiende Leere des riesigen Gebäudes fast körperlich spüren. Niemand ist mehr da.
Niemand. Außer mir und einigen Schülerinnen und Schüler, die stumm über ihre Tische gebeugt sitzen und konzentriert arbeiten. Müssen. Oder besser: Wollen.

Die vergangenen Wochen und Tage waren überaus anstrengend und befriedigend. Die veränderte Rolle als Teil der Schulleitung ist ungemein spannend, weil sie auch meinen Horizont ganz stark verändert hat. Ich sehe heute viele Dinge anders, als noch vor einem Jahr. Ich stelle für mich fest, dass mich die an mich gestiegenen Erwartungen eher motivieren, als belasten. Die Zusammenarbeit mit meiner Co-Klassenlehrerin ist – wie schon all die Jahre zuvor – ein Traum. Wir arbeiten Hand in Hand, haben die gleichen Vorstellungen von Pädagogik und Unterricht und erleben uns gegenseitig als Stütze im Alltag. Es gäbe viele Anekdoten zu erzählen (wie von dem 5.Klässler, der mir ähnlich sieht und den alle (auch ich) deswegen nur noch mit „Herr Klinge“ anreden und der seitdem scherzhaft Pausenaufsicht führt) und viele große und kleine Highlights des Alltags.

Genau dort erlebe ich immer wieder den krassen Bruch zwischen den Schulstandorten: Meine alte Schule ist stark dörflich geprägt, die aktuelle eher Stadtteilschule. Mit allen Konsequenzen und Herausforderungen. Im Nachhinein wird mir erst bewusst, in was für einer Insel der Glückseligkeit ich jahrelang gearbeitet habe.
Neben meiner eigenen Klasse habe ich meine 7er sehr ins Herz geschlossen (ich gehöre zu den Lehrern, die eigentlich nur Lieblingsklassen haben). Der offene Unterricht mit den Lerntheken kommt ihnen entgegen. Die Arbeitsatmosphäre ist ungemein positiv – trotzdem gibt es bei Rückgabe der Klassenarbeit einige enttäuschte Gesichter.
Interessant – und weitaus relevanter als ein spezifisches Klassenarbeitsergebnis – ist die anschließende Reflexion: Woran ist der Einzelne gescheitert? War der Lehrer blöd? (Selbstverständlich nicht!) War die Klassenarbeit zu schwer? (Nach kurzer Analyse im Klassenraum: Nein)
Am Ende steht die Frage nach der Arbeitshaltung im Raum. Ich glaube, der ganze Unterricht der Sekundarstufe 1 ist weniger eine Frage der Intelligenz, als vielmehr der Arbeitshaltung. Diese Haltung anzugehen, ist durchaus herausfordernd. „Ich mache euch einen Vorschlag“, biete ich meinen 7ern an, „ihr dürft die Arbeit neuschreiben!“ Große Augen. „Sie wird nicht wie eine echte Klassenarbeit gewertet, sondern wie ein sehr, sehr wichtiger Test – aber ich biete euch das an!“ Begeistertes Gemurmel. Dankbare Blicke.
Der Termin für das Nachreiben ist…“, ich räuspere mich gewichtig, „…am Freitag vor den Ferien, nach der letzten Stunde. Wenn alle, alle anderen schon nach Hause gegangen sind und die Ferien genießen können.“
Jetzt sind die Blicke nicht mehr so dankbar. Eher vorwurfsvoll.

Und jetzt, wo das ganze Gebäude eine deprimierende Leere verströmt, sitzt ein Drittel der Klasse vor mir. Freiwillig. Genervt, weil der Termin so blöd liegt. Es sind jene Kinder, die im Bild der Öffentlichkeit oft schlecht wegkommen. Ich lasse keine Berichtigungen in Mathematik anfertigen, weil ich sie für sinnlos halte – aber bei diesen Jungen und Mädchen weiß ich, dass sie die vergangenen Tage intensiv genutzt haben, um sich vorzubereiten. Viel mehr noch, als wenn sie eine Berichtigung hätten anfertigen müssen. Niemand setzt sich Freitags nachmittags in die Schule, wenn er nicht vorbereitet ist. Und die Ergebnisse der Arbeit dieser Kinder spiegeln das wider.

Die Arbeitshaltung ändern. Die Bereitschaft, etwas zu tun erzeugen.
Ich bin mächtig stolz auf meine Klasse und überaus zuversichtlich, was ihre Zukunft angeht.

So macht Schule, macht Erziehung, macht Bildung unfassbar Spaß.
(Trotzdem freue ich mich jetzt sehr auf zwei Wochen Pause!)

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