Rahrbach (2)

Rahrbach (2)

Nach einer Nacht auf dem Boden bin ich erstaunlich ausgeschlafen. Obwohl die Kinder mir versichern, sie hätten „keine Minute geschlafen“ und „große Angst vor dem gruseligen Mädchen“ gehabt, weiß ich es besser.
Der Morgen verläuft erstaunlich entspannt. Die Schülerinnen und Schüler haben Türschilder gebastelt und nachdem die Aufgabe in der ersten Runde nur sehr, sehr halbherzig durchgeführt worden ist, galt diesmal: Kein Türschild, kein Frühstück. Entsprechend war die Motivation, eine ordentliche Arbeit abzuliefern dieses Mal deutlich größer. Und die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Beim Frühstück geht es sehr gesittet zu. Die Kinder gehen tischweise zum Buffet, es gibt weder Gedrängel noch Gemurre, weil dieser Tisch vor jenem drankommt. Mit dem ersten Kaffee des morgens sinken wir Lehrer entspannt zurück. Alles läuft perfekt.
„Nach dem Essen sollst du ruh‘n oder 1000 Schritte tun“, pflegte mein Großvater zu sagen. Wir entscheiden, mit unserer Klasse eine lange Wanderung durch den Wald zu machen. Einmal, weil Wandern wunderbar und entspannend ist und außerdem, weil es anstrengend ist und wir die Hoffnung haben, dass die Mädchen und Jungen abends besser schlafen.
Hier und da gab es Gejammer, das ich durch geschickte Bemerkungen unterstützte und anfeuerte. „Herr Klinge, wie lange müssen wir noch durch diesen blöden Wald laufen?“ „Eigentlich fünf Stunden, aber bei unserem Tempo werden es eher sechs!“ „Waaaas?!“
Aber mit der Zeit wurden die Stimmen leiser und die Blicke aufmerksamer. In großen Rindenresten fanden wir die Spuren von Käferlarven. „Das sieht wie ein richtiges Muster aus!“ Baumpilze wurden untersucht und Forstarbeiten beobachtet. Für ein späteres Projekt haben wir dann noch Blätter, Tannenzapfen und derlei Dinge gesammelt.

Ganz spannend ist die positive Entwicklung der Kinder. Ausgerechnet der größte Clown der Klasse regt sich fürchterlich über eine große Folie auf, die jemand auf einer Wiese zurückgelassen hat – hebt sie auf und schleppt sie den gesamten Rückweg mit. Als Tonis Heimweh immer schlimmer wird und er mit Tränen in den Augen deprimiert in der Ecke sitzt, entschließen sich einige Mädchen, ihm eine kleine Geschenkekiste zu basteln, damit er sich wohl fühlt. Ganz, ganz spannende Schritte in die richtige Richtung.
Nach zwei Stunden Wanderung gibt es Freiraum bis zum Mittagessen. Dort spricht uns das Personal an. „Ihre Gruppe Kinder ist ja wirklich lieb. Die bedanken sich ständig und sind sehr höflich!“
Innerliches Schulterklopfen bei uns Lehrern – aber auch das Wissen: Das geht nur mit ständiger Erinnerung. Immer und immer wieder. Aber es macht Hoffnung!
Am Nachmittag dürfen die Kinder schwimmen gehen – die mitreisenden Kolleginnen der Parallelklasse haben die nötigen Scheine und beaufsichtigen freundlicherweise unsere Kinder. Anschließend bilden wir zwei Gruppen: Eine Kollegin gestaltet mit einigen Kindern Natur-Postkarten aus den gesammelten Materialien. Die Mehrzahl der Jungs bleiben mit mir um ein paar Spiele zu spielen.

Nach jedem Spiel reflektieren wir. Was war gut. Was war schlecht. Wie fühlte ich mich? Was hat das mit Schule zu tun? Viele wilde Tobespiele und die Jungs genießen es sichtlich.
Bei einem der Spiele stehen sich zwei Mannschaften auf zwei Spielhälften gegenüber. Ziel ist, die Spieler der gegnerischen Mannschaft auf die eigene Seite zu ziehen. Dabei dürfen Ketten gebildet werden – aber sobald man drüben ist, wechselt man das Team. Es wurde gelacht und geschrien. Hier und da werden einzelne an den Füßen in die gegnerische Hälfte gezogen. „Hiiiilfe“, schreit Ahmed lachend und versucht sich am glatten Fußboden festzuhalten, aber die anderen ziehen ihn unerbittlich rüber.

Trotzdem gilt: Stop heißt Stop. Stürzt jemand zu unsanft, wird das Spiel unterbrochen. Bei einem anderen Spiel bilden alle Jungs eine geschlossene Menschenkette. In der Mitte stehen einige Kegel und wer einen Kegel umwirft oder die Kette auflöst, ist raus. Man muss also versuchen, die anderen „reinzureiten“. Auch hier wird viel gelacht. Beide Spiele wollen unbedingt mehrfach gespielt werden. Nach über einer Stunde sind die Kinder platt und glücklich.

Reflexion. Was hat uns gefallen? Was war besonders lustig? Wie hat das Einhalten der Stop-Regel funktioniert?

Nach dem Abendessen eine kleine Nachtwanderung für Freiwillige und anschließend Kino und Gesellschaftsspiele. Der zweite Tag ist fast rum – ich bin guter Dinge. Einer noch.

 

 

 

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