Team.

Team.

Freitagmittags ist die letzte Schulstunde jeder Woche bei uns eine „Klassenlehrerstunde“. Dort werden organisatorische Dinge besprochen, die Schulplaner auf Unterschriften und erledigte Wochenarbeitspläne überprüft und erzieherische Dinge geklärt. Eine ungemein sinnvolle Stunde und über eine zweite montags ganz früh würde ich mich nicht beklagen.

An diesem Freitag habe ich das gute Wetter genutzt, um mit meinen 5ern ein teamorientiertes Spiel zu spielen. Die Kinder sind ganz versessen darauf und fragen immer wieder, wann wir mal wieder den Gefängsnisausbruch oder das wilde Linienspiel spielen können. Heute hatte ich eine Variante des Klassikers „Ochs am Berg“ vorbereitet – mit dabei mein Klassenbär Bruno.
Kurz skizziert: Alle Schüler stellen sich an einer Linie auf. Zwanzig Meter davon liegt Bruno auf dem Boden. Weitere drei Meter dahinter stehe ich. Während ich mich langsam im Kreis drehe und irgendwas rufe wie „Wo ist mein Bär?“ stürmen die Kinder heran. Schaue ich wieder in ihre Richtung, darf sich niemand mehr bewegen – sonst schicke ich sie zurück an die Linie. Ziel ist aber nun, den Bären zu klauen und zurück hinter die Linie zu bringen. Dabei gilt folgende Regel: Ich drehe mich weiter und wenn die Kinder auf dem Rückweg sind, darf ich einen Schülernamen nennen und jener Schüler muss mir seine Hände zeigen – erwische ich ihn als Dieb, müssen alle nochmal von vorne beginnen.

Zunächst also wie erwartet: Die schnellsten stürmen nach vorne und greifen sich den Bär. Natürlich sehe ich, wer ihn dann trägt, nenne den Namen und alles startet neu. Das geht dreimal so und die ersten Kinder sind frustriert. „Wie soll man das schaffen?“
Ich halte kurz inne, versammle die Jungen und Mädchen und erinnere sie daran, wie sie die letzten Spiele erfolgreich angegangen sind: Als Team!
Tatsächlich ist ein gewaltiger Fortschritt erkennbar (bilde ich mir ein – vielleicht liegt es auch nur am Wetter?): Einzelne Schüler entwickeln Pläne und es wird nicht mehr wild durcheinandergeschrieen, sondern ausprobiert. Einmal, zweimal geht es noch schief, aber irgendwann schaue ich nur noch auf eine gewaltige Front aus Kinderrücken – keine Ahnung mehr, wer den Bären trägt. Ich rate wild drauf los, aber die Schülerinnen und Schüler haben den Kniff raus: Es halten mehrere Kinder den Bären und egal, wer mir seine Hände zeigen muss, der Bär ist nicht zu sehen.

Schlussendlich großer Jubel und hämische Fortnite-Freudentänzchen in meine Richtung.
Zu guter Letzt noch reflektiert: Wer war besonders frustriert? Wie ging es dir damit? Wer hat zur Lösung beigetragen und wer hat sich rausgenommen? Aber auch: Eines unserer Grundgesetze lautet: „Wir respektieren einander“ – ist da so ein Loser-Tanz in Richtung Lehrer angemessen? 

Abends stolperte ich über den Zeitungsartikel einer empörten Hamburger Schülerin, die sich über den Mangel an zeitgemäßer Bildung ärgert. „Warum weiß ich aus dem Unterricht, dass die Frau von König Ludwig XVI. einen Hut-Tick hatte, aber nicht, wie man eine Steuererklärung macht?“
Es liegt vielleicht nicht in ihrem Blickwinkel – aber Schule beinhaltet oft auch weiche, unscharfe Lehrfelder: Kommunikation, Kooperation, das aktive Bekämpfen von Frust und Ersinnen von Lösungsstrategien. Diese Aspekte sind oft unscheinbar und darum scheint Schule manchmal altmodischer, als sie tatsächlich ist. Wenn meine Klasse in den nächsten Jahren immer wieder die Erfahrung macht, dass Kooperation zielführender ist, als ein survival-of-the-strongest, wenn sie immer wieder lernen, ihre Frustrationstoleranz nach oben zu schieben und immer wieder lernen, miteinander zu reden, sich auszutauschen und einander zu respektieren – dann werden sie aufs Leben vorbereitet sein. Ganz gleich, was später noch kommt.

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