„Was für ein Lehrer will ich sein?“

„Was für ein Lehrer will ich sein?“

9. Dezember 2018 4 Von Jan-Martin Klinge

Als ich am Ende eines langen Schultages aus einer Seitentür auf den Schulhof trete, stehe ich plötzlich mitten in einer Rauferei. Drei Achtklässler balgen heftig miteinander, erstarren aber schnaufend, als sie mich sehen.
„Du, du und du. Mitkommen“, ist alles, was ich sage.
„Herr Klinge.. Bitte! Bitte nicht!“ höre ich augenblickliches Betteln. Wortlos deute ich auf drei Stühle, hole meinen Computer raus und setze mich. Die drei Jungs haben inzwischen Tränen in den Augen.
„Name. Klasse. Klassenlehrer.“
Aus den mühsam unterdrückten Tränen wird heftiges Schluchzen. Alle drei sind schon öfter negativ in Erscheinung getreten. „Ich bin so blöd! Warum bin ich so blöd?“, weint der eine, „Ich will nicht von der Schule fliegen!“, der zweite und der Dritte bekommt gar kein Wort mehr raus, weint nur. Dieses Gespräch ist sicher nicht ihr erstes – womöglich aber ihr letztes an dieser Schule.
Ich sage nichts.
Schniefend erklären die Jungs, dass sie sich den ganzen Tag gegenseitig provoziert haben. Das sei blöd gewesen und tue ihnen auch leid und überhaupt. Aber der eine hätte dies getan und das hätte man ja nicht durchgehen lassen können und so weiter und so fort.
Während diese Jungs, nein… Kinder vor mir sitzen und tatsächlich Rotz und Wasser heulen (wann habe ich zuletzt Jugendliche so heulen sehen?), gehen mir zwei Dinge durch den Kopf.

Erstens: Was für ein Lehrer will ich sein?
Melde ich die Rauferei an die Klassenlehrer, dann wird es eine weitere Konferenz geben und die Chancen stehen nicht schlecht, dass zumindest einer der drei dann die Schule verlassen muss. Bedeutet auch: Weniger Ärger mit den immergleichen Rabauken. Weniger Stress für Mitschüler. In diesem Moment liegt also, wortwörtlich, die nähere Zukunft dieser Kinder in meinen Händen.
Also erstens: Was für ein Lehrer bin ich? Was für ein Mensch will ich sein?

Zweitens:
Wenn ich diese schluchzenden Jungs betrachte, dann habe ich sie wirklich, wirklich lieb. Ich war selbst ein rechter Tunichtgut und Raufbold in meiner Kindheit – aber ich habe einfach Glück gehabt. Lehrer, die mal ein Auge zudrücken. Strafpredigten zur rechten Zeit. Ich kann nicht umhin, eine tiefe Sympathie für diese Kinder zu empfinden.

Einige Minuten lasse ich sie leiden. Wirklich leiden. Die Sorge, von der Schule zu fliegen lasse ich unkommentiert im Raum stehen. Dann, scheinbar schweren Herzens, lasse ich mit mir reden. Sie versprechen, dass ich ihre Namen nie wieder hören werde und überhaupt: „Danke, Danke, Danke, Herr Klinge!“
Unaufgefordert entschuldigen sie sich beieinander und treten zusammen den Heimweg an.

Ihre Namen sind mir nicht mehr begegnet.

Am Ende hätte meine Entscheidung auch anders ausfallen mögen – für mich ist von Bedeutung, dass ich mir immer wieder die Konsequenzen meines Handelns bewusst mache. Auf Twitter finden sich immer wieder Geschichten frustrierter Menschen, die verbittert auf ihre Schulzeit zurückblicken und auch wenn ich in meinem Beruf sicher oft auch falsche Entscheidungen getroffen habe, möchte ich mir nie vorwerfen lassen, ich hätte sie leichtfertig getroffen.