5 Minuten Schulleitung: 24/7 Schulleitung

5 Minuten Schulleitung: 24/7 Schulleitung

8. April 2019 4 Von Jan-Martin Klinge

Als ich von der Grundschule auf die weiterführende Schule wechselte, blickte ich immer wieder sehnsüchtig zurück. „Hach, war das Leben schön… Jetzt weißt du erst, was arbeiten heißt!“
Als ich von der weiterführenden Schule auf die Universität wechselte, blickte ich immer wieder sehnsüchtig zurück. „Hach, war das Leben schön… Jetzt weißt du erst, was arbeiten heißt!“
Als das Referendariat begann… Als ich eine Vollzeitstelle antrat…

Seit ich zu Beginn des Schuljahres in die Schulleitung gewechselt bin, habe ich das Gefühl erneut: Nie in meinem Leben habe ich so viel, so intensiv und so ohne Pause gearbeitet, wie in den letzten neun Monaten. Die Kombination aus anderer Stelle, anderer Schule & selbiger im Aufbau, die intensive Nutzung von Twitter als Lehrerfortbildungsintrument, die weitreichende Vernetzung mit zahlreichen Lehrern aus aller Welt und das permanente Abspeichern von Vorschriften, Gesetzen und Handlungsmustern sorgt für permanente geistige Beschäftigung. Ich schaffe es nicht mehr, nachmittags loszulassen. Ständig drängen mich die nächsten, übernächsten und überübernächsten Aufgaben an den Schreibtisch – und sei es nur an den geistigen Schreibtisch in meinem Kopf.

Schulleitung heißt auch, zahlreiche Dinge mit nach Hause nehmen. (Dabei – und das möchte ich wohlerwähnt wissen – sitze ich nicht mal an der Spitze der Verantwortung!)

Vergangene Woche hatte ich die Gelegenheit, Stephane Cloatre zuzuhören, einem Lehrer an der Jeanne d’Arc-Lasalle Middle School in Fougères in Frankreich. Cloatre ist mit seinen Schülern den historischen Wurzeln des eigenen Städtchens gefolgt und hat es in seiner ganzen historischen Pracht in Minecraft nachgebaut. Die Kinder, so Cloatre, seien nun tief verwurzelt mit ihrer Heimat. Teile der Stadt wurden im 3D-Drucker ausgedruckt, angemalt und ausgestellt. Wahnsinn!
Seitdem beschäftigt mich der Gedanke: Wie kann ich das für meine Schüler, meine Stadt, meinen Unterricht adaptieren?

Ich hatte das Glück, längere Zeit mit Julian Wagner zu reden und Einblicke in seine Unterrichtsorganisation zu erhalten. Seitdem überlege ich, wie ich ihn zu einer Fortbildung an meine Schule holen kann. Und mich beschäftigt der Gedanke: Wie kann ich das für mich, meine Schule, meinen Unterricht übernehmen?

Kellie Williams‚ Schüler haben via FlipGrid in Videoform Fragen über den zweiten Weltkrieg gestellt. Williams hat daraufhin ihre (nicht mehr mobile) Oma besucht und ihr die App gezeigt. An die Stelle von Texten und schriftlichen Augenzeugenberichten tritt jemand, der direkt auf die einzelnen Videos der Schülerinnen und Schüler reagiert und antwortet. Das lässt mich nicht mehr los.

Sarah Carter wirft im wochenrhythmus beeindruckende Unterrichtsideen in die Welt. Zuletzt die Verknüpfung einer klassischen Auktion mit quadratischen Funktionen und ich kann es gar nicht erwarten, das in meinem Unterricht auszuprobieren.

Das #Twitterlehrerzimmer wächst unentwegt an: Damit einher brechen Strukturen weg. Die Altvorderen werden hinterfragt und müssen sich neu behaupten. Leute, die vor drei Jahren noch die zentralen Anlaufstellen waren, sind heute praktisch unsichtbar – einen ähnlichen Wandel empfinde ich jetzt gerade. Je größer eine Gruppe, desto rauer zuweilen der Umgangston. Hm. Hm. Twitter ist die beste Lehrerfortbildung überhaupt – kann aber auch extrem zeitintensiv sein: 24/7. In dem Zusammenhang neulich aufgeschnappt: „Wenn du ein verrücktes, leidenschaftliches, inspirierendes Leben führen willst, umgibt dich mit verrückten, leidenschaftlichen, inspirierenden Menschen.“ Gefällt mir.

Außerdem mit zwei Freunden zwischen zwei Meetings im Treppenhaus zwanzig Minuten darüber gesponnen, ob wir nicht eine Firma gründen wollen. Mehr so nebenher, weil wir alle unsere Jobs lieben. Diese zwanzig Minuten sind gar nicht in Worte zu fassen. Vielleicht „heilig“?! Ein Moment, in dem uns alle Tore offen standen, ein Moment, der ewig hätte dauern können (wenn man uns nicht schließlich aus dem Treppenhaus geworfen hätte). Zwischendurch zwei Minuten überlegt, ob ich nur noch Buchautor sein möchte und mit Riza Kara über weitere Projekte gesprochen. Es bleibt aufregend.

Im Kopf plane ich außerdem unsere (mögliche) zukünftige Tabletklasse immer weiter und rede viel (sehr viel) mit Kollegen, Medienberatern und Schulleitern aus aller Welt über Umsetzung und Stolperfallen. In dem Zusammenhang fahre ich Ende April nach Unna, um deren (wie man hört: herausragende!) Umsetzung zu bestaunen und zu lernen.

Fazit nach neun Monaten: Der beste Job den ich je hatte. Und der intensivste.

Was mir gerade fehlt: Zeit für die Familie. Zeit für den Hund. Zeit für mich.