Tabletschule im Aufbau #4: Das Kollegium mitnehmen

Ein beliebiges Konzept, ob digitalen oder pädagogischen Inhalts, kann an einer Schule nur dann erfolgreich sein, wenn es von der Mehrheit der Lehrerinnen und Lehren getragen wird. Das klingt nach einer Binsenweisheit und für Außenstehende womöglich leichter, als es in der Realität ist.
Wenn der Chef der Firma X bestimmt, ab morgen von Windows auf Apple zu wechseln, dann ist das eben so. Die Mitarbeiter haben das zu schlucken. Wenn die Stadt München entscheidet, von Windows auf Linux und wieder zurück zu wechseln, dann müssen die Angestellten sich anpassen. Wer das nicht kann, nunja…

Eine Schule funktioniert nicht wie eine Firma. Wenn eine Schulleitung die Richtung vorgäbe „ab heute nur noch offene Unterrichtsformen“ und kein Kollege hielte sich dran, würde erstmal nichts passieren. Was auch?
Konzepte jeder Art werden gemeinsam mit einem Kollegium entwickelt. Aufgabe einer Schulleitung ist, im Vorfeld viel Denkleistung zu investieren und Arbeitsschritte und -phasen vorzubereiten, damit ein Konzept sinnvoll entstehen kann. (Kleine Nebenbemerkung: Jan Vedder hat den lesenswerten Artikel „Wer ist hier der Boss“ über modernes Leitungsverständnis geschrieben.)

Bezogen auf das digitales Konzept einer Schule: Wenn die Lehrerinnen und Lehrer nicht zu weiten Teilen davon überzeugt sind, diesen Schritt mitgehen zu wollen, wird dieser Weg mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern.
Die wenigen engagierten Kolleg*Innen müssten nicht nur Energie investieren, diesen Pfad als erste zu gehen – sie müssten sich gleichzeitig bei Rückschlägen und Problemen immer wieder vor jener Gruppe rechtfertigen, die es „von Anfang an wusste“. Das raubt Kraft und Lust.

Will eine Schule den Schritt in die Digitalisierung gehen, dann ist ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung die Mitnahme weiter Teile des Kollegiums. Wie das gelingt, ist ganz sicher von Schule zu Schule unterschiedlich – exemplarisch möchte ich aufzeigen, welchen Weg wir als aufstrebende Gesamtschule gegangen sind.

Ausgangspunkt

Unsere Schule nutzt das Office 365 Paket von Microsoft in der kostenlosen A1 Lizenz. Das bedeutet, alle Schülerinnen und Schüler bekommen eine Mailadresse mit Zugang zu den Online-Varianten von Word, PowerPoint und Excel und dazu unendlichen Online-Speicherplatz.
Für das Kollegium besteht darüber hinaus noch die Möglichkeit, Microsoft Teams als Kommunikationstool und OneNote mit den Kursnotizbüchern zu nutzen.

Teams zur Kommunikation

Unser Ziel war zum einen, ‚Teams‘ als Ersatz für die elendigen Whatsapp-Gruppen einzuführen. ‚Teams‘ ist eine Mischung aus WhatsApp, Slack, Skype und Outlook. Man kann dort diverse Kanäle aufmachen, Gruppen bilden und verschiedene Berechtigungen setzen. Wir haben einige Wochen gebraucht, um uns in die Software reinzudenken – sind aber ganz niedrigschwellig gestartet. Zuerst einmal ging es nur um direkte Kommunikation: Absprachen in der Gruppe Mathematik wann denn die Klassenarbeit geschrieben werden solle und im Team 6 wurden Vorschläge für den Elternabend gesammelt. Dies hat ganz gut funktioniert und ich glaube, viele sind heute froh, die berufliche und private Kommunikation sauber getrennt zu haben. Nun, nach einem halben Jahr des Nutzens, beginnen wir weiter zu experimentieren und zu erforschen, was ‚Teams‘ noch alles kann. Besprechungen organisieren, Aufgaben verteilen, Dokumente verwalten. Wir wachsen langsam rein. Inzwischen kommuniziert auch das Sekretariat mit uns oft via ‚Teams‘. An die Stelle der kleinen Notizzettel am Fach („Hat der Kollege das jetzt gesehen?“) werden uns Nachrichten geschrieben. Eine große Erleichterung an dieser Stelle. Dienstliche E-Mails gibt es kaum.

OneNote zur Organisation

Der zweite Schritt war die Einführung eines Kollegiums-Notizbuches über OneNote. In diesem Notizbuch, auf das alle Lehrerinnen und Lehrer zugreifen können, finden sich bspw. der Belegungsplan der NW-Räume und der Klassenarbeitskalender. Das Notizbuch haben wir erstmal nur mit einer Handvoll Kolleg*Innen getestet. Im ständigen Austausch mit ihnen die Struktur geändert. Und dann – wie bei Updates auf dem Computer – in Wellen zügig den Rest des Kollegiums dazugeholt. Nun muss niemand mehr zum Lehrerzimmer rennen und auf einen großen Plan gucken, sondern jeder kann direkt aus dem Klassenraum schauen, ob denn am 6.6. noch Platz für eine Englischarbeit ist. Auch Etat-Wünsche und Fachprotokolle werden über das digitale Notizbuch abgehandelt: Überlegt die Fachschaft Spanisch, sich neue Bluetooth-Lautsprecher anzuschaffen, kann sie bei der Fachschaft Englisch gucken, ob die das womöglich auch im Plan haben. Die Arbeitsprozesse werden transparenter gestaltet, die Zahl der Konferenzen hat sich reduziert und die Kommunikation ist einfacher geworden. Die Tagesordnungspunkte der Konferenzen sind dort ebenso zu finden wie die Möglichkeit der Kollegen, eigene Punkte einzubringen.

Fortbildung. Fortbildung. Fortbildung.

Ein dritter Schritt war die Einführung eines sogenannten Kurskiosks, das sich ebenfalls in OneNote wiederfindet. Kolleg*Innen bieten auf einem digitalen schwarzen Brett Fortbildungen an, in die sich jeder eintragen kann. Ab dem dritten Teilnehmer wird ein Termin gesucht und die Fortbildung findet statt. Blickt man in unseren Katalog, findet man dort Angebote zu OneNote, Teams, Document Sharing, Learning-Apps, kollegialer Fallberatung und, und, und.
Das Deutsche Schulportal schreibt:

„Etwa die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer hegen gegenüber dem Einsatz digitaler Medien starke Vorbehalte.“

Ich würde in den Raum stellen, dass ein Großteil der Kolleg*Innen nicht dem Einsatz digitaler Medien kritisch gegenübersteht, sondern dem zuverlässigen Funktionieren derselben. Ein OHP ist nunmal einfacher zu bedienen, als ein Beamer. Und, erinnert euch: Es ist noch nicht so lang her, da war das „Der Beamer zeigt mir den Computerbildschirm nicht an“ ein in Schulen verbreitetes Problem. „Funktionieren“ tun digitale Medien vor allem dann, wenn man sie beherrscht und sich damit auskennt. Wenn man weiß, wie man Notebook und Beamer (inzwischen sogar drahtlos) verbindet. Wenn man weiß, was diese und jene Fehlermeldung bedeutet. Es geht um Kompetenz.

Nach nur einem halben Jahr ist in unserem Kollegium große Vertrautheit im Umgang mit den genannten Medien entstanden. Vieles wird über Teams organisiert, alles an schriftlichen Unterlagen findet sich – für alle zugreifbar – in OneNote und das Kurskiosk wird zur ständigen Weiterbildung rege genutzt. Padlets werden nicht von jedem genutzt, aber von jedem gekannt.

Fazit

Im gesamten Kollegium herrscht eine wahnsinnig große Sicherheit. Tatsächlich kann sich schon nach sechs Monaten niemand mehr vorstellen, auf diese Tools zu verzichten – und das ist ein guter Hinweis auf gelingendes Arbeiten.
Ausgehend von dieser Kompetenz und Sicherheit im Umgang denkt eine Schule ganz anders über die Einführung einer Tabletklasse. Viel entspannter. Weniger sorgenvoll.

Eine Abstimmung im Kollegium über diese Entscheidung fiel entsprechend positiv aus. Schritt für Schritt gehen wir voran.

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