Tabletschule im Aufbau #5: Unser Medienkonzept

Dieser Blogartikel ist Teil einer Reihe. Als Gesamtschule im Aufbau wollen wir den Schritt gehen, nicht nur unseren gewaltigen Papierverbrauch zu reduzieren sondern auch die Möglichkeiten digitaler Werkzeuge für den Unterricht nutzen.
In Teil 1 habe ich unsere Ausgangslage beschrieben: Aus was für einer Schule komme ich? Folge 2 beschrieb die drei Schwachpunkte eines digitalen Konzeptes, an denen es scheitern kann: überforderte Schüler; überforderte Lehrer, überforderte Hardware. Teil 3 hat sich auf die Lehrerhardware fokussiert: Ist ein iPad/Surface sein Geld wert? Danach ging es in Folge 4 um die Mitnahme und Fortbildung des Lehrerkollegiums.

Heute möchte ich gerne kurz unseren Ansatz vorstellen.
Dabei geht es mir nicht um ein komplett ausgearbeitetes Medienkonzept. Dies wäre viel zu umfangreich und würde auch von niemandem gelesen – statt dessen möchte ich unsere Ideen skizzieren und freue mich immer über Feedback in freundlichem Ton.

Zunächst: Ich sehe keine Alternative zur Digitalisierung.
Man kann darüber streiten, ob man damit in der Grundschule, der 5. oder der 7 anfängt (eine Tabletklasse aus Olpe verbloggt ihre Erfahrungen und diskutiert sehr anschaulich das Für und Wider an dieser Stelle). Aber letztlich wäre es fatal, die heutige Schülergeneration mit den Inhalten und Methoden von gestern auf die Welt von morgen vorzubereiten. Es gibt immer weniger Berufe, bei denen der direkte oder indirekte Einsatz von Smartphones, Tablets oder Computern nicht zwingender Bestandteil ist. Die Verweigerungshaltung „ich habe kein Handy und bin stolz drauf“ war vielleicht vor fünf Jahren noch hier und da auf eine rebellische Art en vogue – inzwischen ist sie aber vor allem rückständig. Praktisch jeder Arbeitgeber würde doch heute sagen: „Ja, gut. Dann such ich mir halt jemand anderen.“

Aus Schulperspektive ist das nun eine ganz spannende Zeit, denn wenn es keine Alternative zur Digitalisierung gibt, dann kann man jetzt voranschreiten und sozusagen Pionierarbeit leisten (und sich hier und da eine blutige Nase holen) oder aber wartet noch 5 Jahre, und muss dann umsetzen, was andere Schulen vorgeben.
Weil wir noch klein und im Aufbau sind, ist Flexibilität ein großer Trumpf. Noch können wir rasend schnell Ideen ausprobieren, evaluieren und anpassen. Bildlich gesprochen sind wir noch eine Motorjacht und kein Supertanker: Wir können Richtung und Geschwindigkeit schnell ändern – sind wir erstmal auf eine Schülerzahl von 800 angewachsen, geht das nicht mehr so problemlos.

Steht also die Frage: Was und wie?
Vor dem Hintergrund, dass die Umsetzung eines digitalen Konzepts an den Faktoren Schüler, Lehrer & Hardware scheitern kann, halte ich es für wichtig, die Ziele zunächst nicht zu hoch zu setzen.
Klar: Digitale Medien ermöglichen, den Unterricht nachhaltig zu verändern. Axel Krommer hat das ganz treffend beschrieben:

„Wer in einer Gesellschaft lebt, in der die Postkutsche das schnellste Verkehrsmittel darstellt, kommt gar nicht auf die Idee, zum Einkaufen von Nürnberg nach München zu fahren, während dieses Reiseziel für einen Bahnfahrer mit dem ICE durchaus in Reichweite liegt.“

Das klingt super passend: Was ergäben sich plötzlich für Möglichkeiten?! Man muss sich aber vor Augen führen, dass ein ICE in einer solchen Gesellschaft erstmal für Angst und Schrecken sorgt: „Was soll ich denn da draußen?“ „Ich war noch nie so weit weg von zu Hause!“ Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Vorstellung weit verbreitet, der menschliche Körper könne so hohe Geschwindigkeiten gar nicht überleben (Randbemerkung dazu: Man blicke in den Spider-Man-Comic #121 und den Tod von Gwen Stacy oder komme in meinen Physikunterricht).

Um im Bild zu bleiben: Setze ich einem Bürger des 18. Jahrhundert einen ICE ins Dorf verbunden mit der Ansage: „Nun zeig aber auch mal, dass du mehr kannst als nur Kutsche fahren“, dann wäre jener Bürger mutmaßlich eingeschüchtert und – verbunden mit Bedienschwierigkeiten auch schnell frustriert ob der „blöden Technik“.

Es gilt also, zunächst kleine Schritte zu machen.

Mein Kollegium hat nun ein halbes Jahr lang intensiv mit OneNote gearbeitet. Nach den ersten drei Monaten des Herantastens wurden inzwischen weitere Notizbücher gegründet: Zur Organisation von Klassenfahrten, zur Erstellung von Unterricht etc.
Zum kommenden Schuljahr wird nun diese Erfahrung mit dem Einsatz der Tablets verknüpft: Mittels der Kursnotizbücher von OneNote sollen die Tablets an unserer Schule zunächst einmal nur als Heftersatz dienen. Es geht noch nicht um große Projekte, um Padlets und Greensceen-Filme. Im SAMR-Modell ist das die erste Stufe: Ich ersetze ein analoges Medium durch ein Digitales. Den OHP durch den Beamer. Das Heft nun also durch die Computer.

Nutze ich Tablets erstmal nur als Heftersatz, dann beginne ich mit einem einfachen Niveau. Jeder Kollege kann dank seiner Vorerfahrung sicher dazustoßen und im ersten Jahr weiter an Sicherheit gewinnen.
Die Entwicklung ist dann abzusehen: Nach einigen Monaten haben alle Lehrer und Schüler den Einsatz der Kursnotizbücher soweit verstanden, dass die Lust auf Neues wiederkommt: Was geht noch? Wie geht es weiter? Welchen Nutzen kann ich noch haben?

Dieses Vorgehen hat noch zwei weitere Vorteile: Zunächst einmal läuft das System weitgehend unabhängig von der schulischen Infrastruktur. Einmal eingerichtet benötige ich im Klassenraum keinen Internetzugang. Office 365 ist für Bildungseinrichtungen kostenlos ebenso wie OneNote und die Kursnotizbücher. Die Kinder können ihre Computer/Hefte zu Hause synchronisieren – das ganze läuft also auch dann, wenn in unserer Schule ein halbes Jahr das Internet ausfällt.
Außerdem: Im Unterschied zu einem Tabletwagen auf dem Gang, der hin und wieder zum Einsatz kommt, aber ausgerechnet heute vom Kollegen benutzt wird sind die Geräte hier dauerpräsent. Wie ein Taschenrechner. Und dauerhafte Anwendung erzeugt Sicherheit im Umgang.

Die Transformation von Unterricht, also das gewinnbringende Nutzen digitaler Werkzeuge kommt dann ganz von allein.
Das Wichtigste ist aber: Wir begegnen aktiv den oben genannten Hürden: Weder wird das Kollegium mit Anforderungen an utopische Unterrichtserwartungen abgeschreckt, noch bricht das System zusammen nur weil mal wieder das Internet streikt und auch die Schüler haben den Einsatz sehr schnell verstanden.
(Übrigens: Meine Tochter läuft an ihrer Schule als einziges Kind mit einem Tablet durch den Schulalltag mit eben jener Ausrichtung: Als Heftersatz. Das funktioniert seit zwei Jahren ganz wunderbar.)

In den nächsten Artikeln geht es dann um die weiteren Schritte hin zu einer Tabletschule. Ist ja schön, dass ich ganz begeistert bin – aber das reicht natürlich nicht.

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