Wie verändert die Notwendigkeit des Fernunterrichts meinen Unterricht? In diesem Artikel versuche ich aufzuzeigen, wie mich unterschiedliche Lehrer und Unterrichtsformen stark beeinflussen und mich ermuntern, meinen eigenen Unterricht zu verändern. Oder kurz: Demnächst werden in meinem Unterricht Orks besiegt, Schätze gehoben und schwere Rätsel gelöst werden müssen, um unsere Stadt zu retten.

Nachdem ich die letzten Tage zum Auftanken und Erholen genutzt und viel Zeit mit den Kindern und im Garten verbracht habe, wächst in mir die kognitive Langeweile. Ich beginne, Unterrichtsprojekte zu entwickeln, wälze sie im Kopf hin und her und – ehe ich mich versehe – sitze ich am Computer und entwerfe, schreibe, formuliere.

Die Ausgangslage
Die Situation ist klar: Ich bereite mich weiterhin auf die Situation „Lockdown“ vor. Herausfordernd dabei: Wie erreiche und motiviere ich nicht nur die fleißigen Kinder, sondern auch jene, die zu Hause kein eigenes Zimmer und ruhige Lernorte haben?

Meine Zutaten
Mein Mathematikunterricht basiert ganz stark auf dem Prinzip der Lerntheken. Dabei bereite ich eine Lernumgebung derart vor, dass die Schülerinnen und Schüler auf eigenen Wegen („Lernpfaden“) und unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden („Differenzierung“) ein Thema erkunden. Der Lehrer steht im Hintergrund, ist mehr Organisator.

Sebastian Schmidt ist der Guru des Flipped Classroom. Unterrichtsinhalte werden den Schülern als YouTube-Video im Voraus zur Verfügung gestellt. Der eine schaut es sich einmal an, der andere fünfmal. Der Unterricht baut auf den Videos auf und vertieft die Inhalte. Der Lehrer erweitert seine Unterrichtspräsenz massiv und wird ein Lehrer für jedes Kind.

Der TeacherRogueOne ist im #Twitterlehrerzimmer schlicht meine Anlaufstelle Nummer 1, wenn es um Gamification im Unterrricht geht. In seinem Unterricht wird gleichzeitig Classcraft gespielt und gelernt – exemplarisch sei dieser grandiose Artikel über Verknüpfung von Wilhelm Tell und dem Schwarzen Auge genannt: Schüler haben die Charaktere dieses Klassikers in die Attribute eines Rollenspiels übersetzt.

Immer wieder begegnet mir überdies das Konzept des EduBreakOut. Dabei handelt es sich um eine Art Schatzsuche, ähnlich den populären „Escape Rooms“. Eine von einer Geschichte umrahmte Aufgabe führt zum lösen zahlreicher Schlösser, die an einer Kiste hängen.

Meine Gemüsesuppe
Meinen Unterricht mit den Lerntheken weiter fortzuführen hat ganz gut geklappt. Die Differenzierung in grüne und gelbe Pflichtstationen und rote, die freiwillig zu bearbeiten sind, kennen die Schüler seit Monaten. Herausfordernder sind dagegen zwei Punkte:

  1. über die Entfernung bin ich nicht „nur eine Handmeldung entfernt“ um den Kindern bei der Bearbeitung zu helfen
  2. Motivation und Selbstdisziplin, eigenständig zu arbeiten ist nicht bei allen Kindern gleich ausgeprägt.

Das ist der Punkt, an dem ich mir vom Aspekt der Gamification einen Anschub erhoffe. Wenn ich es schaffen würde, die kommende Einheit (es geht um Längen und Flächeninhalte) in ein Spiel zu verwandeln, könnte ich ein den ein oder anderen vielleicht einfangen. Für ein solches Spiel benötige ich also erst einmal eine andere Welt. Die habe ich am Wochenende kurzerhand erschaffen:

Die ist eher schnell konstruiert – entscheidend ist sowieso die rechte obere Ecke, denn dort geht die Geschichte los und die Kinder bekommen die Weltkarte erstmal nur mit einem „Nebel des Krieges“ zu Gesicht. Weil der Stadtteil meiner Schule und meiner Schülerinnen und Schüler „Geisweid“ heißt, beginnt unsere Geschichte in dem kleinen Dörfchen Goisweid:

Das zu erstellen hat schon etwas länger gedauert. In der Geschichte leidet das Dorf unter einer fürchterlichen Grippe und der Held (= meine Schüler) müssen ausziehen, um nach einem Heilmittel zu suchen. Weil ein 11jähriges Kind viel zu klein ist, um ein Schwert zu halten, müssen sie wohl oder übel ihren Verstand benutzen. Und der will trainiert werden.

Weil das Heilmittel womöglich in einem anderen Land liegt und die Menschen dort eine andere Sprache sprechen, wird die ein oder andere Karte mit dem Englischunterricht meiner Klasse verknüpft sein. Fächerübergreifendes Lernen und so.

Meine Schüler arbeiten von zu Hause allesamt digital und nutzen OneNote als Heft. Das kann ich mir zu eigen machen, indem ich die verschiedenen Abschnitte sperre und einen Aspekt des „EduBreakOut“ aufgreife.

Mit jeder gelösten Aufgabe erhält man ein Passwort, um den nächsten Abschnitt freizuschalten. Um nun die nötige Differenzierung einzubringen, habe ich mir folgendes überlegt: In den 90ern waren sogenannte „Abenteuer-Bücher“ ein großer Hit: Sie hatten rund 400 Kapitel und wurden nicht linear von vorne nach hinten gelesen, sondern am Ende jedes Kapitel konnte man sich entscheiden, wie die Geschichte weitergeht: „Willst du in den Keller hinabsteigen, aus dem du den entsetzlichen Schrei gehört hast, lies weiter bei 287. Willst du dagegen zurück ins Wohnzimmer, lies weiter bei 86.“
In meiner Einheit werde ich ähnlich verfahren: Wer tiefer hinein in den dunklen Wald möchte, aus dem es so entsetzlich modert, der springt zu Abschnitt 17. Und wer lieber diesen Schrecken lieber aus dem Weg geht, macht weiter bei 7.

Bleibt die Schwierigkeit: Wie kann ich meine Schülerinnen und Schüler unterstützen? Ihnen das neue Thema erklären? Und hier springe ich auf Schmidts Flipped Classroom: Was bisher meine Hilfekarten waren, werden nun Hilfevideos. Angepasst auf meinen Unterricht kann ich das Thema einführen, Vertiefungsvideos erstellen und sogar Lösungsvideos zu den Karten. Der Aufwand, solche Videos zu erstellen, ist recht gering wie Kollege Rau erst vor wenigen Tagen beschrieben hat.

Obwohl ich meine Schülerinnen und Schüler in den Osterferien garantiert nicht mit Aufgaben versorgen werde, habe ich einzelne Fragmente schon ins Kursnotizbuch kopiert. Nur, um mal zu schauen… Und natürlich wurde in Teams nach dem Stadtnamen gegoogelt, hat eine Schülerin sofort versucht, die Aufgaben zu lösen und eine weitere sich die Abschnitte kurzerhand ins eigene Notizbuch kopiert.

Ich bin neugierig. Das ganze wird ein Projekt, das ich bei Gefallen im kommenden Schuljahr weiter aufblasen und bei Nichtgefallen ins Reich meiner gescheiterten Ideen verbannen werde. (Übrigens: Jene Kinder, die da keinen Bock drauf haben, bekommen die Lerntheke ohne den ganzen Beifang.)


Disclaimer
Mir ist völlig klar, dass diese Art des Unterrichtens zu unterschiedlichen Reaktionen führen wird (die ich sowohl alle schon erlebt, als auch alle selbst empfunden habe):

  • amüsiertes Kopfschütteln
  • leichte Aggressionen, woher „dieser Lehrer nur die Zeit nimmt“
  • starke Aggressionen, weil schon wieder so ein „Leuchtturmprojekt präsentiert wird“
  • Bauchschmerzen weil „wie soll ich das jemals schaffen???“

Dieses Projekt ist nicht meinem eigenen Verstand entsprungen, sondern wurde beeinflusst von zahlreichen Kolleginnen und Kollegen, die ihrerseits mit ihrem Unterricht in der Öffentlichkeit stehen und Einblicke gewähren. Der Grund dieses Artikels ist eben selbiger: Er möge als Inspiration dienen, als Lustmacher auf Neues, auf Experimente. Und er darf als Aufforderung verstanden werden, sich zu vernetzen, auszutauschen und in andere Unterrichte reinzuschnuppern. Man kann nur gewinnen.