Die Corona-Krise zwingt unsere Schulen nicht nur zu Fernunterricht – sie bietet auch die Gelegenheit zu experimentieren und den klassischen Unterricht von seinen Zwängen zu befreien. Darauf finden Lehrer ganz unterschiedliche Antworten – meine führt in ein Rollenspiel.

„Wie gestaltet man Fernunterricht sinnvoll?“ fragt die (großartige!) Medienpädagogin Verena Knoblauch zurecht. Wie können wir es nicht nur schaffen, die Schülerinnen und Schüler mit sinnvollem Material zu versorgen, sondern auch zu motivieren?

Für meine 5. Klasse habe ich meinen Unterricht in ein gewaltiges Rollenspiel verwandelt, in dem sie Abenteuer erleben können. Zu den didaktischen und methodischen Hintergründen habe ich an dieser Stelle mehr geschrieben (Klick) – heute möchte ich zeigen, was daraus geworden ist.

Meine Schülerinnen und Schüler starten in Goisweid, einem mittelalterlichen Dorf, dessen Bewohner alle an einer fürchterlichen Grippe erkrankt sind. „Nur du kannst nach einem Heilmittel suchen!“

Unterrichtsinhalt ist die Einführung von Flächenberechnungen. Es geht um „Länge mal Breite“, um die Berechnung des Umfangs und eine Wiederholung der schriftlichen Multiplikation.

Unterwegs begegnen die Kinder Aufgaben und Herausforderungen. Zum Beispiel der Bauer Maggot und seine Frau: Klar helfen die bei der Suche. Aber zuerst müssen sie mal ihre Scheune streichen und wie viel Farbe benötigen sie dafür eigentlich?

An verschiedenen Stellen können die Kinder auch wählen und die Geschichte nimmt einen anderen Verlauf, je nachdem, wie man sich entscheidet.

Unterwegs können auch Gegenstände gesammelt werden, die einem hier und da helfen. Außerdem wurde ich von meiner wunderbaren Co unterstützt (die alles mitträgt, was mir an absurden Ideen im Hirn umherspukt). Die ist Englischlehrerin und so begegnen die Schüler am Hafen einem Matrosen, der nach dem Rathaus sucht, aber leider nur Englisch spricht. Hin und wieder sind auch Inschriften auf Englisch zu finden und müssen übersetzt werden. Fächerübergreifendes Lernen.

Die Geschichte gewinnt ganz sicher keinen Literaturpreis – aber sie ist in sich verwoben und es gibt drei mögliche Enden, die man erreichen kann. In allen wird gerätselt, geforscht und gerechnet. Und weiter geht es immer nur dann, wenn man die Aufgaben gelöst und das Passwort für den nächsten Abschnitt herausgefunden hat. Ein digitaler Escape Room.

Das war viel Arbeit. Aber das Ergebnis halte ich für so gut, dass es mich reizen würde, dazu nochmal einen Unterrichtsbesuch oder eine Examensstunde zu halten.

Als ich meine Schülerinnen und Schüler heute morgen nach den Osterferien im VideoCall begrüßte, wollten sie auch erstmal gar nichts vom neuen Thema wissen, sondern nur, was diese geheimnisvollen, abgeschlossenen Abschnitte zu bedeuten hätten.
Nach kurzer Einführung ins Thema, dem Verweis auf den Ablauf und die Freiwilligkeit des Spiels (für Desinteressierte habe ich die Lerntheke auch ohne Geschichte parat) ging es los. „Herr Klinge, kann ich auch einen Bösen spielen?“, wurde ich gefragt.

Im Laufe des Vormittags bildeten sich dann zahlreiche kleine Lerngruppen heraus. Schülergruppen von zwei, drei Kindern, die Stunde um Stunde gemeinsam grübeln – mich immer wieder mal anrufen und um Rat fragen, und weiter, immer weiter wollen.

Es bleibt zu beobachten, ob diese Form des kooperativen Arbeitens, diese Gier nach Wissen und Lust am Spielen und Lernen langfristig erhalten bleibt. Am Ende der Einheit werde ich eine anonyme Umfrage durchführen und die Einheit evaluieren.
Bei Gefallen bieten sich Erweiterungen mit Rollenspiel-Elementen an: Jeder Schüler könnte seinen Avatar im Lauf der Zeit weiterentwickeln, größeren Gefahren und Hürden begegnen, die man nur gemeinsam meistern kann. Denn klar ist auch – die Welt ist groß genug und birgt noch viele Möglichkeiten!