Zeitgemäße Schule muss sich ein Stück weit lösen von der Abarbeitung einzelner Fächer und Inhalte und ihren Fokus hin auf das Vermitteln von Kernkompetenzen verschieben. Fächerübergreifendes Lernen. Regelmäßiges Feedback und die Gewichtung auf den Arbeitsprozess sind wesentliche Elemente. Aber: Was genau macht guten Projektunterricht aus? Und wie komme ich als Lehrer und wir als Schule in diese Richtung? Darum soll es in dieser Reihe gehen.

erste Schritte

Guter Unterricht verändert sich.
Als Lehramtsanwärter habe ich meinen Unterricht stark gelenkt. Stunden wurden minutiös vorbereitet, in meinen ersten Entwürfen finden sich sogar vorformulierte Antworten der Schüler („Die Schüler sagen… – Der Lehrer sagt…“). Das empfinde ich auch rückblickend nicht als schlimm – aber ich habe mich verändert. Mein Unterricht Guter Unterricht sah eher so aus, dass ich den Kindern eine Lernumgebung bereitgestellt habe, in deren Rahmen sie ein Thema selbstständig, im eigenen Tempo und mit unterschiedlicher Tiefe und Richtung auskundschaften konnten. Meine  Lerntheken im Mathematikunterricht gehen genau in diese Richtung und sind letztlich der Kompromiss aus Vorgaben des Lehrplans und individueller Gestaltung des Themas.

erste digitale Schritte

Im Rückblick komisch: Auch mein Online-Unterricht hat sich verändert. Auch dort lag mein Fokus zunächst auf Kontrolle. Sind alle anwesend? Macht keiner Unsinn? Passen alle auf? Erstens, zweitens, drittens. Im Nachhinein erkenne ich darin die gleiche Unsicherheit, die mich auch bei meinen ersten Schritten im Lehrerberuf vor vielen Jahren begleitete. Selbst die Fragen sind die gleichen. Das empfinde ich nicht als schlimm. Wichtig ist aber, dass man in dieser Entwicklung nicht stehen bleibt.

Inzwischen hat sich auch mein Fernunterricht verändert. Für viele Stunden habe ich digitale Lernumgebungen vorbereitet. Nach einem gemeinsamen Start treffen sich die Schülerinnen und Schüler in vorbereiteten, thematisch sortierten Kanälen und arbeiten an ihren individuellen Schwachpunkten. Für meine aktuelle Klasse 5 habe ich beispielsweise die Kanäle „Flächeneinheiten umwandeln“, „Flächen berechnen“, „Umfang berechnen“, „Lückenaufgaben“ und „Textaufgaben“ vorbereitet. In jedem Kanal liegen exemplarische Aufgaben bereit, von mir erstellte Erklär-Videos und Forms-Quizzes zur Selbstüberprüfung.

Projektunterricht? Geht doch! #1 1
Videokonferenzen 9:15 Uhr

Um 9:15 Uhr haben sich in 3 von 5 Gruppen Schüler zusammengefunden und diskutieren über die bereitgestellten Aufgaben. Interessant ist, dass sich die Konferenzen zwanzig Minuten später in andere Kanäle verschoben haben.

Projektunterricht? Geht doch! #1 2
Videokonferenzen 9:35 Uhr

Im Kanal „Flächeneinheiten umwandeln“ befindet sich niemand mehr, dafür wird jetzt in „Umfang berechnen“ gearbeitet. Dieses Maß an Eigenverantwortung und Vertrauen braucht Sicherheit. Bei mir und natürlich auch bei den Kindern. Sicherheit im Umgang mit der Technologie, den Abläufen, den Erwartungen.

Während der ganzen Stunde bin ich selbst im Kanal „Allgemein“ zurückgeblieben und habe gewartet. Hin und wieder kam ein Schüler dazu, stellte eine Frage und verschwand wieder. Ganz zum Schluss, in den letzten zehn Minuten, eine gemeinsame Auswertung des Arbeitsprozesses und etwaiger offener Fragen.

Guter Unterricht verändert sich.

Das braucht Zeit, Erfahrung und die Möglichkeit, Arbeitsschritte zu durchdenken und zu reflektieren. Als Schulleitung denken wir uns gerade intensiv in Projektunterricht hinein. Meine eigene Betrachtung ist heute eine andere, als vor drei Monaten und wird sich in weiteren drei noch einmal verschoben haben.

Als Lehrender muss es mein Ziel sein, die Verantwortung für das Geschehen mehr und mehr in die Hände der Lernenden zu legen: In der fünften Klasse teile ich die Reagenzgläser für ein Experiment noch einzeln aus. In der siebten Klasse stelle ich einen Materialtisch bereit, an dem sich jeder bedient und in der zehnten Klasse öffne ich die Schränke und die Schülerinnen und Schüler bedienen sich selbst und räumen hinterher auf.

Kein Lehrer beginnt Sahnestunden. Man probiert. Entwickelt. Reflektiert. Verbessert. Ein ständiger Prozess. Wenn ich an die vielen Kolleginnen und Kollegen denke, die mich wirklich beeindrucken – dann sind das alles Leute, die ihren Unterricht immer wieder verändern. Nicht von heute auf morgen. Aber beständig.

Diese Entwicklung halte ich für ein Kennzeichen von gutem Unterricht.

Als Teil einer Schulleitung liegt mein Fokus heute nicht mehr darauf, nur meinen eigenen Unterricht zu entwickeln und zeitgemäß zu gestalten, sondern eine ganze Schule so zu prägen.

Wie das geht?

Davon handelt diese Reihe.

Fragen zum Weiterdenken:

Welche kleineren Projekte habe ich bereits im Rahmen meines Unterrichts durchgeführt? War das anstrengend oder befriedigend? Haben alle Schüler an dem Projekt Spaß gehabt? Warum? Warum nicht? Was wäre nötig, damit ich so ein Projekt noch einmal durchführe?