Ich, lächelnd, im hässlichen WeihnachtspulliAls hätte ich es geahnt, habe ich am Freitag, dem letzten Präsenzschultag dieses Jahres meinen ugly christmas Pullunder getragen. Jenen Pullunder (allein dieses Wort erzeugt bei mir Gänsehaut), der sich für Werbefotos im Quelle-Katalog von 1998 eignet.

„Uuuuiiiii, Sie haben aber einen schönen Pullover an“, begrüßt mich Zara im Klassenraum. Zara, deren schelmisches Grinsen auch durch die Stoffmaske hindurch zu sehen ist. „Das ist zwar sehr nett, aber gelogen!“, erwidere ich. Daraufhin wird Zara ganz ernst.

„Das stimmt.“

Das sagt sie mit einer Kälte, die mich erschrickt. Dabei mustert sie mich mitleidig und in ihrem Gesicht lese ich ein „haben Sie keine Frau, die Sie davon abhält, sowas in der Öffentlichkeit zu tragen?“

Davon ab.
Mein wunderbares Kollegium hat das Wochenende über durchgearbeitet und diese Woche unterrichtlich vorbereitet. Inzwischen ist es fast eine liebgewonnene Tradition, dass wir die Kinder Freitags mit „Nach unserem Stand der Dinge bleibt alles wie es ist“ nach Hause schicken um dann pünktlich nach Schulschluss zu erfahren, dass „jetzt spontan doch ab Montag alles ganz anders ist.“

Ein Schüler schreibt eine Klassenarbeit auf einem Tablet.Zum Glück haben wir das Kommen sehen und

uns vorbereitet. Heute habe ich dann außerdem meine Klassenarbeit im Fernunterricht durchführen lassen. Dabei (aus der Lehrerperspektive) ganz interessant: Ein Schüler hatte Probleme, Sprachnachrichten in OneNote aufzunehmen und einem anderen ist gestern der Stift kaputt gegangen. Beide hatten aber direkt Lösungsstrategien im Kopf: Ersterer schickte die Sprachnachrichten einfach via Smartphone und letzterer rechnete auf Papier und fügte Fotos der Rechnung in die Klassenarbeit an jeweils richtiger Stelle zu.

Mehr noch als die (durchaus positive) Rückmeldung der Schülerinnen und Schüler zu diesem Aufgabenformat sind es solche Kleinigkeiten, die mein Lehrerherz höherschlagen lassen: Diese Schüler denken nicht in Vermeidungs-, sondern in Lösungsstrategien. Kein „tut mir leid, ich kann nicht mitschreiben“ oder „Herr Klinge, lösen Sie dieses Problem für mich“ sondern eigenverantwortliches Handeln.

Das wiederum macht mir Hoffnung für ihre Zukunft: Eine Berufsausbildung scheitert oft nicht an fehlenden Kenntnissen zum Pythagoras oder chemischen Gleichungen, sondern an der Basis: Stimmt die Arbeitshaltung? Teamfähigkeit? Verlässlichkeit? Sozialer Umgang?

Ich, überrascht guckend, im hässlichen Weihnachtspullover

Alle meine Schülerinnen und Schüler sind heute angetreten. Niemand hat sich beklagt. Alle wollten zeigen, was sie können. Alle haben gezeigt, was sie können.

Und währenddessen saß ich allein im Büro, trank einen Zimtschneckentee und habe mir neue Weihnachtspullunder im Internet bestellt.

Ein Gedanke zu „Lügende Schüler und digitale Klassenarbeiten.“

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