Meine Schüler haben eigenständig Lehrvideos produziert. Der entnervte Kommentar eines Kollegen fordert mich heraus, das Vorgehen genauer aufzuschlüsseln.

Digitaler Unterricht

Digital gestützter Unterricht ist in diesen Tagen nichts wirklich Besonderes mehr. Nur noch wenige Schulen erlauben sich die Freiheit, Arbeitsblätter in Wäschekörben auf dem Schulhof bereitzustellen. Die allermeisten Lehrerinnen und Lehrer bemühen sich darum, mit allen zur Verfügung stehenden Werkzeugen dem schulischen Alltag so gut es geht nahezukommen. Trotzdem hört man immer wieder auch die Stimmen genervter Eltern laut, deren Posteingänge mit Mails à la „Arbeitsblatt 1 von 18“ überquellen.

Via Twitter kommentierte ein Kollege frustriert, er würde viel Zeit in seine Arbeitsblätter investieren und sie exakt auf seine Lerngruppen zuschneiden. Und ergänzte: „Besser als so eine Herumspielerei, die einige Digitalunterricht nennen.“

Dadurch wird mir wieder klar, wie wichtig ein breites Wissen für Lehrkräfte ist: Dem Beruf wird man eben weder mit dem raschen Raushauen von irgendwelchen Arbeitsblättern noch mit dem flotten Einwurf irgendeiner App gerecht. Und das führt mich zu einem konkreten Beispiel aus meinem eigenen Unterricht. In wenigen Wochen darf ich beim Physiklehrerinnentag (Männer sind mitgemeint) einen Vortrag über digitalen Unterricht halten und ich habe mir das ganze Schuljahr ordentlich Mühe gegeben.

In den Wochen zwischen Neujahr und den Zeugnissen behandeln meine 6er das Thema „Magnetismus“. Ganz ohne Labor und Geräte durchaus eine Herausforderung – aber die meisten haben einige Küchenmagnete gefunden und außerdem ist der Surface Pen ja auch magnetisch. Damit lässt sich experimentieren.

Ein defektes Lehrvideo reparieren

LehrvideoUnter der Woche bin ich in der Schule gewesen und habe ein Lehrvideo aufgenommen, indem ich die Anziehung bzw. Abstoßung zweier Magneten anhand ihres Magnetfeldes erläutert habe. Die Aufnahme habe ich mittels vorinstallierter Kamera-App auf meinem Surface Pro durchgeführt.

Doch leider, leider ist mir ein Missgeschick passiert: Ich habe mein Mikrofon gemutet und das Video komplett ohne Ton aufgenommen. Uh, ärgerlich!

Aufgabe der Schülerinnen und Schüler war, das Lehrvideo herunterzuladen und sich anzusehen. Anhand des Gezeigten in Kleingruppen den Inhalt zu diskutieren bzw. zu erforschen und dann mittels „Sprachrekorder“ eine eigene Tonspur aufzunehmen, die einigermaßen zum Video passt. Anschließend mit dem Programm „Video-Editor“ Bild und Ton zusammenzufügen und mir zu schicken.

Alle Programme sind auf den Surface Go Geräten der Kinder vorinstalliert gewesen.

Was gelernt wird

Lehrvideos im Physikunterricht 1Eine kleine Nebenbemerkung: Die Wahrscheinlichkeit, Fakten im Gedächtnis zu behalten, lässt sich beeinflussen: Gehörtes bleibt nur zu etwa 20% im Kopf, wenn wir es sowohl sehen als auch hören beträgt die Wahrscheinlichkeit immerhin 50%. Einen echten Anstieg gibt es erst, wenn man Dinge erklären kann (70%, deswegen meine Expertenplakate in den Lerntheken)  und mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90% bleibt neues Wissen haften, wenn man das Gelernte selbst angewendet oder durchgeführt hat. (Ergänzung: So richtig belegt ist das nicht, darf aber als Richtung an dieser Stelle durchgehen.)

Dieses kleine Projekt war auf etwas mehr als eine Zeitstunde angelegt und hat bei allen Gruppen zu einem Ergebnis, bei einigen sogar zu einem wirklich guten Ergebnis geführt – obwohl ich keines der Programme vorher schonmal genutzt habe. Was nun wurde alles gelernt?

Die Schülerinnen und Schüler…

  • haben anhand eines visuellen Inputs den physikalischen Sachzusammenhang erschlossen, der teilweise unbekannt war
  • konnten mit einer Internetrecherche ihre Vermutungen überprüfen und verschiedene Quellen nutzen, ihre Hypothesen zu stützen
  • haben in der Gruppe ein Drehbuch/Skript für ihre Erklärung verfasst
  • haben den physikalischen Sachzusammenhang durch eine Sprachaufzeichnung erklären müssen.
  • haben den Umgang mit digitalen Werkzeugen geübt und verschiedene Dateiformate (Video, Audio) zu einem neuen Produkt kombiniert, indem sie ein Lehrvideo erstellt haben
  • haben verschiedene „Softskills“ trainiert: Kommunikation, Verantwortung, Teamwork.

Fazit

Klar: Der frustrierte Kollege meinte mit seinem Seitenhieb auf digitalen Unterricht als „Spielerei“ vermutlich ebenso wenig mich, wie er sich angesprochen fühlen sollte, wenn Eltern vom x-ten Arbeitsblatt genervt sind.

Interessant – und manchmal wird das vergessen – ist jedoch, dass hinter guter Arbeit oft intensive Gedanken und eine Intention stecken. Das ist auch der Grund, warum ich früher so gerne bei Kolleg:innen hospitieren ging und ganz dankbar bin, dass das an meiner aktuellen Schule sogar fest im ganzen Kollegium verankert ist.