Karneval steht an – oder besser fällt aus. Brauchen die Schulen Rosenmontag wirklich frei? Einmal mehr tut sich in diesem Land eine Ablenkungsdebatte auf. Wir leben in einer Empörungskultur. Das sollte sich ändern.

Wochenausklang

„Herr Klinge“, meldet sich Thore, „ich bin wie dieser Spielzeugroboter: Meine Batterien sind leer. Ganz ehrlich, vier Stunden online-Unterricht sind anstrengender als 7 Stunden normaler Schultag.“

Die Klassenlehrerstunde vor dem Wochenende nutzen meine Co und ich zur Seelenpflege. Wir bitten die Kinder, sich einen Gegenstand aus ihrem Zimmer zu suchen, der zu ihrem Gemütszustand passt. Spannende, aber auch nachdenklich stimmende Statements bekommen wir zu hören. Einige kommen mit der aktuellen Belastung besser klar, als andere.

An meiner Schule sind alle Kinder mit einem Tablet-Computer ausgestattet. In methodisch und didaktisch angepassten Stunden die allgemein dem Schema „kurzer Input – Arbeitsphase ohne Lehrkraft – gemeinsamer Schluss“ folgen, sind unsere Schüler:innen an feste Strukturen gewöhnt.

Am Ende der Woche fühle auch ich mich wie der genannte Roboter. Wir hatten Anmeldewoche und ich bin die ganze Woche erst kurz vor sechs zu Hause gewesen. Neben Unterrichtsbelastung (wir haben im Team jeweils abwechselnd unterrichtet und die Anmeldungsgespräche geführt) und Familie war das sehr kräftezerrend.

Ich bewege mich in einer Blase

Schaue ich mich um, geht das vielen Kolleg:innen ebenso. Zugegeben: Vermutlich bewege ich mich – bewusst oder unbewusst – nur im Kreise engagierter Lehrer:innen. Menschen, die in den vergangenen Wochen und Monaten mehr als sonst gearbeitet und vorbereitet haben. Die Ideen ausgetauscht und Unterrichtsentwicklung betrieben haben. Eine Kollegin erzählte mir unter der Woche, wie sie mit ihrem Hauswirtschaftskurs gemeinsam Kuchen gebacken habe. Alle gemeinsam vor der Kamera. „Können Sie mal schauen, ob mein Teig schon genug umgerührt ist? Moment, ich halte ihn in die Kamera!… Oh NEIN!“

Man kann sich den Spaß und das viele Lachen und virtuell-gemeinsame essen bildlich vorstellen.

In seiner letzten Rundmail freute sich der Personalrat über die vielen engagierten Kolleg:innen, sah sich aber genötigt darauf hinzuweisen, dass man es mit den vielen Fortbildungen nicht übertreiben und auf seine Gesundheit achten solle. Eine aktuelle Pressemitteilung aus Bayern berichtet von 100.000 Teilnehmern der eSessions1.

Natürlich gibt es auch Eumel. Lehrer:innen, die sich mit einer Zoom-Konferenz pro Woche zufrieden geben. Die Montags E-Mails mit Arbeitsblättern verschicken und sie Freitags einsammeln, um sie – Anführungszeichen – zu korrigieren – Anführungszeichen.

Medial oft ein verzerrtes Bild

In das Bewusstsein der Öffentlichkeit schaffen es dann oft genau jene Kreise: Leserbriefe frustrierter Eltern; selbsternannte Experten, die von einer „verlorenen Generation“ schwadronieren und (in meinen Augen besonders perfide) solche, die sich nun um die Bildungsgerechtigkeit sorgen. Als hätte es Selektion nach Herkunft, Beruf der Eltern und Vorname nicht schon vor Corona gegeben.

Klar: Von den Schulen zu berichten, an denen es prima läuft, ist auch wenig spannend. Dabei gibt es von denen jede Menge. Aber, wer möchte schon einen Artikel darüber lesen, wie unspektakulär bei uns alles seinen Gang geht? Die hiesige Tageszeitung beschreibt lieber, wie Deutschland „die Digitalisierung verschläft“, anstatt in die Gesamtschule gegenüber zu schauen, wo es ganz gut läuft. Ob der Lockdown noch eine, zwei oder fünf Wochen für verschlossene Türen sorgt, macht – rein vom „Unterrichtsstoff“ her – für meine Schüler:innen keinen Unterschied.

KarnevalEmpörung über Karneval

Die Rückmeldungen aus meiner Klasse und mein eigener Zustand signalisieren deutlich: Eine Pause tut not. Statt dessen werden mir in den nächsten Tagen noch jede Menge empörter Zeitungsartikel, Leserbriefe, Facebook-Kommentare und Nachrichtenschnipsel ins Bewusstsein gespült: Skandal! Faules Pack! Wenn kein Karneval, dann braucht es auch keinen freien Tag! Immer mit dem Verweis auf jene anekdotischen Wahrheiten von Lehrer:innen, die sich seit Dezember nicht mehr gemeldet hätten.

Der Punkt ist: Eine Diskussion über die Karnevalstage wird bei jenen Kolleg:innen nichts an ihrer Haltung ändern. Ein Lehrer, dessen Job gerade auf „E-Mails abschicken“ reduziert ist, interessiert der Wegfall zweier Ferientage herzlich wenig – er tut ja eh nichts.

Statt dessen wird die Diskussion auf dem Rücken jener ausgetragen, die maximal belastet sind und einen Top-Job machen: Tausende Schüler:innen, die ihre Aufgaben ernst nehmen und den Wegfall von Schulalltag zu kompensieren versuchen. Die Lehrer:innen, die ihre heimischen Arbeitsplätze aufrüsten, sich austauschen, telefonieren, drucken, kopieren und den ihren Kindern die Materialien z.T. nach Hause bringen. Den Eltern, die das System des Homeschoolings bzw. Fernunterrichts stützen und zwischen Erschöpfung, Sorge, Genervtheit und Frust mit ihren Kindern das kleine einmaleins üben.

Nicht nur ich brauche mal zwei, drei Tage Ruhe. Auch meine Schüler:innen benötigen ganz dringend mal Abstand. Und Karneval als Halbzeitpause zwischen Weihnachten und Ostern ist der ideale Zeitpunkt.

Ein Blick über den Tellerrand

Im Gesundheitssystem kündigen gerade überdurchschnittlich viele Mitarbeiter, weil sie zum einen diese Belastung nicht mehr aushalten wollen, aber auch die Verachtung einer Gesellschaft, der nichts besseres einfällt, als abends auf Töpfe zu hauen, um ihre Unterstützung zu zeigen. Eine ähnliche Entwicklung ist im Bildungssystem zu beobachten: Es ist kein Zufall, dass hunderte Schulen ohne Schulleiter dastehen. Das Problem ist: Kündigen werden nicht jene, die sich einen faulen Lenz machen und mal eine Mail verschicken. Ausbrennen tun jene, die ihr Bestes geben.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge – wir sind eine Empörungsgeneration. Erinnerst du dich noch an die Schlagzeilen vor 12 Monaten? Die Bon-Pflicht beim Bäcker! „Bon-Wahnsinn!“ „Kassenzettel-Flut“ „geballte Zettelwut!“ Das waren die Schlagzeilen. Was ein Aufwand! Allein die Schäden für die Umwelt! Ablenkungsdebatten nennt Hagen Rether das. Hat nochmal jemand nachgefragt, wie es um die Buschbrände in Australien steht? Sind die einfach ausgegangen oder was ist da passiert?

tl;dr

Die engagierten, die guten Lehrer:innen sind erschöpft. Die engagierten, die fleißigen Schüler:innen sind erschöpft. Gönnt ihnen ein paar Tage Pause.


1: Im gleichen Atemzug wie sich Bayern begeistert über mehr als 100.000 Teilnehmer und wahnsinnig engagierte Lehrer:innen zeigt, streichen sie dem faulen Pack die Faschingsferien. Chapeau!

6 Gedanken zu „Karneval? Brauchen Schulen jetzt wirklich frei?“

  1. Auf den Punkt gebracht. Danke! Der Distanzunterricht läuft in so vielen Schulen wirklich gut, Schüler und Lehrer engagieren sich. Aber als Beispiel herangezogen werden ganz häufig die Ausreißer nach unten.

  2. Genau das! Genau darüber musste ich mich heute in einem Gespräch aufregen. Ich bin keine Lehrerin, sondern „nur“ Mutter einer Viertklässlerin und unsere Schule gibt auch alles, um den Unterricht trotz der Situation gut über die Bühne zu bringen. Die Kinder machen wunderbar mit, klar – manche mehr, manche weniger, wie auch in normalen Zeiten. Aber „Es läuft alles super“ will halt in den Medien keiner lesen. Und genau das ärgert mich: Die, die keine Ahnung haben, lesen die Schlagzeilen und glauben und verbreiten dann die negative Stimmung genau wie die wenig sinnigen Ideen, Ferientage zu streichen. Dabei spüren wir so langsam recht deutlich das Verlangen nach ein paar Ferientagen, um durchzuschnaufen, Denn das Homeschooling bedeutet für die Schüler nicht, daheim rumzulungern und jeden Tag 5 Minuten den Laptop anzuschalten, sondern stundenlanges konzentriertes Arbeiten, genauso wie es den Lehrern – die oft zusätzlich ja auch noch Eltern sind – eine unglaubliche zusätzliche Kraftanstrengung abverlangt.

  3. Hmm. Verspüre nur ich einen Widerspruch zwischen „läuft alles unspektakulär super“ und den genannten Beispielen erschöpfter Schüler/-innen und fast ausgebrannter Lehrkräfte?

    1. Es ist körperlich und mental anstrengend, aufwändiger als sonst – aber produziert weder spektakuläre Zeitungsartikel noch großartige Bilder von Lehrer:innen in Hängematten und weinenden Eltern.
      Es wird einfach sehr intensiv gearbeitet. Und wie bei jeder anstrengenden Arbeit braucht man zwischendurch Phasen der Erholung.

  4. So ist es!
    Die Art und Weise zu arbeiten hat sich durch das Lernen auf Distanz total verändert. Und damit fühlt es sich ein wenig an, wie wenn man die Schule/den Arbeitgeber wechselt. Und das kennt wohl jeder, dass das Extraenergie kostet, obwohl man seinen Beruf doch kennt.
    „Ferien“ würden einfach einmal Zeit lassen Eindrücke sacken zu lassen und nach einer Ausruhphase neue Ideen zu entwickeln. Dazu braucht es aber zumindest bei mir soetwas wie Langeweile. Die fehlt aber gerade gänzlich.
    Und meine zwei Söhne haben nach 5 Wochen des Homeschoolings diese Lernform ziemlich über.
    Mama soll Mama sein und Papa Papa. Das wir nun oft auch die Lehrer sind, finden die Zwei zunehmend anstrengend. Wir auch-obwohl es zu 95% klappt, dank unseres Platzes im eigenen Haus und einer gesunden Familienstruktur. Wie das wohl ohne eines der beiden Faktoren ist? Oder gar ohne beide?
    Das erahne ich aus der Ferne in meiner Klasse. Genaue Einblicke bleiben oft verwehrt und sind eher unterschwellig zu spüren. Und diese Familien bräuchten noch dringender Zeit zum Verschnaufen.
    Und ich würde mir sehr wünschen, dass Politik und vor allem die Medien hier mal eine deutliche Anerkennung
    zeigen würde für alle Erwachsenen, die in diesen Zeiten
    Kindern beistehen. Zuhause, in der Schule, in den Arche-Häusern, ……

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