Wie sich eine Katastrophenstunde nach über einem Jahr dann doch als gelungen herausgestellt hat. Eine Schulanekdote.

Vergangenes Jahr gab es in einer Vertretungsstunde ein spontanes Wiedersehen mit meinem Mathe-Erweiterungskurs in der 8. Ich hatte die Jungen und Mädchen (zähneknirschend) an einen Referendar abgegeben und freute mich sehr, sie wiederzusehen.

Aktuelles Thema: Die Binomischen Formeln.

Von "Oh man, Herr Klinge...!?" zu "Klar, Herr Klinge!!" 1Seit Jahren ist es ein großes Vergnügen für mich, meinen Kursen eine absurde Räuberpistole über ein geheimnisvolles Wikingerschiff ohne Besatzung zu erzählen, auf welchem jene Formeln zusammen mit Noten gefunden wurden. Es sei fürderhin Aufgabe jedes ehrbaren Mathematiklehrers, dieses Lied zu singen. Natürlich mit handgestrickter Wikingermütze mit angestricktem Bart.

„Methoden“, bei denen man sich selbst auf die Schippe nimmt, müssen wohlbedacht eingesetzt werden, denn es ist ein Spiel mit dem Status (s.a. „Der Lehrer als König im Klassenzimmer„). Nur aus einer Position des Hochstatus kann ich mich zum Affen machen und in einen Tiefstatus wechseln, ohne einen Respektverlust befürchten zu müssen. Darüber hinaus funktioniert Humor nur, wenn die Beziehungsebene intakt ist.

Nach einem Jahr Unterricht beim Referendar, hatte ich den letzten Punkt unterschätzt. Als ich die Jungen und Mädchen aufforderte, mit mir gemeinsam die binomischen Formeln zu singen, blickte ich in entsetzte Gesichter. In meinem Kopf waren sie immer noch der wunderbare Kurs, den ich in der 7 übernommen und mit denen ich wirklich viel Spaß gehabt habe – aus ihrer Perspektive war ich nur noch irgendein Vertretungslehrer.

Inzwischen sind anderthalb Jahre vergangen und nichts als Corona bestimmt unseren Schulalltag. Die Klasse habe ich mit Beginn der 9 und Verabschiedung des Lehramtsanwärters wieder übernommen. Bei schweißtreibender Hitze und mit Masken unterhielten wir uns am Schluss der Stunde noch über die Perspektiven des kommenden Schuljahres. „…werden uns mit der Verschiebung von Parabeln beschäftigen und dafür brauchen wir übrigens die Binomischen Formeln. Erinnert sich da noch irgendwer dran?“

Das „irgendwer“ kam eine winzige Nuance spöttisch aus meinem Mund. Diese meine Eleven waren sich seinerzeit zu fein, ordentlich zu singen und das hätten sie nun davo… „Klar, Herr Klinge!“, tönte es von Ahmad. „A plus B in Klammern zum Quadrat…“

Unversehens stimmten zwei, drei, fünf, zehn Schüler:innen ein. „…gibt A Quadrat plus zwei A-B plus Bbbeeee Quadraaaaat.“

Großes Gelächter. „Dieses Scheiß-Lied kriegt man niemals mehr aus dem Kopf!“ „In hundert Jahren nicht!“

Mein Hoch des Tages! Lange hatte ich mich nach der verkorksten Stunde letztes Jahr geärgert, die Klasse damit überfordert zu haben. Sie heute so johlen und singen und lachen zu sehen, tat mir richtig gut.


Nachtrag: An dieser Stelle ist das Lied auf YouTube zu finden.