Etwa 16.000 Worte sprechen Männer wie Frauen durchschnittlich am Tag (Quelle). Ich ahne, dass es in einem von Kindern umgebenen Beruf noch ein paar mehr sind. 16.000 Worte, die nicht nur gesprochen, sondern auch gehört werden wollen. Laut dieser Handreichung zum Thema „Lehrergesundheit“ treffen Lehrer*innen in einer Unterrichtsstunde bis zu 200 Entscheidungen und müssen dabei im Durchschnitt 15 „erzieherische Konfliktsituationen“ meistern (Quelle). An einem langen Unterrichtstag kommt da einiges zusammen.

In mir ist wenig wirkliche Ruhe.

Stille, Natur

In den letzten Jahren habe ich mir immer wieder die Freiheit genommen, mich für einige Tage vom Alltag auszuklinken und die Einsamkeit zu suchen (z.B. hier und hier).

Für zwei bis drei Tage suche ich mir eine spartanische Unterkunft und verbringe die Zeit mit wandern und – tatsächlich – stumpfer Langeweile.

Kein Computer, kein Handyspiel darf mit. Die erste Zeit lenkt mich noch ein Hörbuch ab – aber spätestens nach einigen Kilometern auf verlassenen Wegen und inmitten tiefer Wälder ertrage ich auch diese einzelne Stimme nicht mehr.

Stille.

Die Seele atmen lassen.

Atem.

Vor vielen Jahren habe ich bei Rob Bell viel über eine theologische Perspektive des Atmens gelernt (wirklich sehenswert, wenn man des Englischen mächtig ist.) und vieles davon später in James Nestors Buch „Breath“ bestätigt gefunden.
Im Gedächtnis geblieben ist mir die Geschichte eines Krankenhauses aus New Jersey, die den Chorleiter Carl Stough anstellten, um mit lungenkranken Patienten zu arbeiten. Stough brachte ihnen nicht nur das Singen bei, sondern auch richtiges Atmen und erreichte damit verblüffende Effekte (lesenswert Amazon: „Breath – Atem“).

Wie immer nehme ich solche Informationen begeistert auf und vergesse sie nach kurzer Zeit wieder, nur um mich etwas später erneut begeistern zu lassen.

Wandern - die Seele atmen lassen

In einer Woche beginnen die Herbstferien. Hunderttausende Worte – gesprochen wie gehört – liegen hinter mir und hunderte „erzieherische Konfliktsituationen“.

Nun laufen erneut Planungen – dazu nutze ich die App „Kahoot Komoot“ – und suche mir erst ein einsames, waldreiches Gebiet aus und stelle zwei bis drei Wanderungen zusammen. Keine Gewaltmärsche – aber lang genug, damit ich zur Ruhe komme und nachts gut schlafe.

Abhängig wird es ein wenig vom Wetter. Gerne würde ich den Hund mitnehmen – aber ehrlicherweise bedeutet ein Hund nicht nur Gesellschaft, sondern immer auch Stress, Aufsicht führen und Erzieher spielen. Vermutlich bleibt er daheim.

(Innerlich schäme ich mich manchmal: Würde ich meinen Ururgroßeltern vor hundertfünfzig Jahren erzählen, dass man heutzutage „zur Erholung spazieren ginge“ und freiwillig stundenlang durch abgelegene Wälder liefe, würde man wohl entsetzt angeguckt. Aber das Gefühl habe ich auch oft, wenn ich am Kopierer stehe und an all die Mönche denke, die monatelang irgendwelche Bücher abgeschrieben haben, die ich heute gedankenlos binnen Sekunden über den Scanner jage…)

Ich kann es kaum erwarten.

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4 Gedanken zu „Die Seele atmen lassen“

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