Wirklich wunderbarer Physikunterricht (2)

Wirklich wunderbarer Physikunterricht (2)

Ich habe die leise Hoffnung, dass sich mein Oberstufenphysikkurs jene kindliche Begeisterung aneignet, die für gelingende Kurse vielleicht notwendig sind. Auch zu später Stunde sind wir vollzählig, gut gelaunt und ich muss ihnen die Worte nicht aus der Nase ziehen.

Vor einigen Jahren habe ich mit Schülern ein spannendes Experiment entwickelt: Wir wollten herausfinden, welche (physikalische) Kraft F hinter einem Faustschlag steckt. Opfer des Ganzen war – natürlich – der Bär Bruno. In dem Kurs entwickelten wir einen komplizierten Versuchsaufbau mit Lichtschranken und einem genau gezielten Schlag und anschließender Berechnung.
Auch in diesem Jahr ging die Denkweise vieler Schüler in diese Richtung. Statt der Lichtschranke wurde aber die Fotofunktion des Smartphones präferiert. Zwei Schülerinnen schlugen vor, das Videoanalyse-Programm „Viana“ zu nutzen, um aus einer Filmaufnahme Geschwindigkeit und Beschleunigung der Hand zu ermitteln (innerliche Jubelschreie von mir an dieser Stelle!).
Am Ende brachte eine weitere Schülerin die einfachste Lösung ein: „Herr Klinge, auch wenn es doof klingt – aber es gibt so Punching-Apps auf dem Handy, die zumindest behaupten, das messen zu können.“

Jep. Wunderbar!

Und so machen wir es. Statt Lichtschranke und komplizierter Berechnungen nutzen wir den Beschleunigungssensor des Handys. Exemplarisch funktioniert das mit der App „Science Journal“ von Google [Link].
In einer aufgeräumten Oberfläche kann man verschiedene Sensoren ansprechen und auslesen:

Für unsere Zwecke (Kraft ist das Produkt aus Masse und Beschleunigung, kurz: F = m · a) benötigen wir die maximale Beschleunigung. In einer Auswertung werden dann Durchschnitt und Maximalwert angegeben:

Die größte Beschleunigung eines Faustschlages aus dem Schreibtischsessel heraus mit einem Handy in der Hand liegt bei mir bei 86 m/s². Verbunden mit der Masse meines Armes (vereinfacht! Etwa 6% der Körpermasse) von rund 6 kg ergibt das eine Schlagkraft von knapp 500 Newton. Wichtig an der Stelle zur Einordung: Der Faustschlag von Vitali Klitschko brächte rund 4000 Newton auf die Waage – der koreanische Taekwondo-Großmeister Kwon Jae-hwa kommt auf 10.000 Newton.

Wie man sieht, geht von einem ausgemergelten, blassen Physiklehrer nun wirklich keine Gefahr aus.

Nicht zu unterschätzen ist die Rolle des Kuscheltieres an dieser Stelle. Es geht nicht nur um ein physikalisches Experiment oder das Messen abstrakter Werte. Hier wird dem lieben kleinen Bruno, den viele Schülerinnen und Schüler seit der Klasse 7 kennen, Schaden zugefügt. Das geht nicht ohne traurige Mienen, schwere Seufzer und (!) Entschuldigungen beim kleinsten Mitglied der Klasse. Der physikalische Inhalt wird emotional verknüpft. (Dafür lohnt es sich dann auch zu leiden!)

Außerdem diese Woche: Nach zwei Jahren Mitglied der Schulkonferenz bin ich dieses Jahr der Kollegiumsvertreter des Einstellungsgremiums. In der Schulkonferenz entscheiden Lehrervertreter, Elternvertreter und Schülervertreter gemeinsam über Organisatorisches (z.B. bewegliche Ferientage) und Politisches (Schulprogramm; Ausrichtung der Schule). Im Einstellungsgremium werden die Einstellungsgespräche mit Bewerbern für offene Stellen geführt. Beide Aufgaben empfinde ich als sehr spannend.
Außerdem diese Woche: Mein Stundenplan lässt mir dieses Halbjahr sehr viel Freiraum, bei Kollegen zu hospitieren. Gestern habe ich es sogar geschafft, vormittags eine alte Referendariatsfreundin an einer anderen Schule zu besuchen. Festgestellt: Nach sechs Jahren an einer Schule verliert man ein wenig den Blick dafür, wie groß die Welt ist. Ganz, ganz spannende Einblicke erleben dürfen (Vielen Dank und liebe Grüße an dieser Stelle nochmal!).

Noch zwei Tage, dann sind Herbstferien und ich habe noch so wahnsinnig viel zu erzählen. Auf jeden Fall folgt noch die Auswertung meiner Digitalisierung von unten. Meine Tochter ist seit Sommerferien mit einem Tablet unterwegs und berichtet über ihre Erfahrungen. Außerdem habe ich an einem Buchprojekt von Tobias Faix mitwirken dürfen und und und.

 

2 Replies to “Wirklich wunderbarer Physikunterricht (2)”

  1. Als Physiklehrer verstehe ich voll und ganz, warum du da so begeistert bist 😀 Wenn meine Kids mal auf eine solche Idee kommen, bin ich auch jedes Mal komplett aus dem Häuschen und sehne mich nach mehr davon. Die Möglichkeiten der Handy-Nutzung im Physikunterricht wird meiner Meinung nach komplett unterschätzt. Da könnte man viel mehr mit machen, wenn man die Sensoren des Smartphones richtig nutzt. Vor allem im Bereich der Mechanik ist da sehr viel drin.
    Dazu werde ich bei Gelegenheit mal eine Projektreihe machen und davon in meinem Blog berichten 😀

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