Fördern bis zum Umfallen…

§1 des Schulgesetzes in NRW verlangt von mir die “Bildung, Erziehung und individuelle Förderung” eines jeden Schülers. Grundwissen eines jeden (Ex-)Referendars und von unserem Seminarleiter seinerzeit immer wieder abgefragt.
In letzter Zeit bekomme ich jedoch mehr und mehr Bauchschmerzen bei diesem Auftrag.

Nicht, dass wir uns missverstehen: Ich halte “individuelle Förderung” für ganz wichtig – aber mindestens für genauso problematisch. Denn übermäßige Förderung kann zu einer Form “erlernter Hilflosigkeit” führen.
2012-10-22 17.34.40Ausnahmslos alle Schüler kommen in meinem Unterricht an Punkte, an denen sie überfordert sind. Bewusst. Neuartige Problemstellungen, komplexe Zusammenhänge, abstrakte Begriffe. Überforderung führt zu Anstrengung.
Aber die “überförderten” Schüler geben deutlich schneller auf, als die anderen. Sie sind gewohnt, dass irgendwer ihnen alles vorkaut. Entweder der Banknachbar. Oder der Lehrer. Oder Mama. Oder der Nachhilfelehrer. Oder Google.

Bei einigen Fällen hat das Unglück in der Grundschule begonnen. Einzelne Schüler wurden so sehr gefördert, dass sie in “normalen” Unterricht kaum mehr zu integrieren sind. Das ist auch kein Wunder: Wenn ich zwei Jahre lang in einer fünfköpfigen Fördergruppe sitze, die sich meinem Tempo anpasst, ist der Umstieg in eine 30köpfige Klasse mit ein paar Granaten immer schwer.

Für mich – als Lehrer – stellt sich bei jedem Einzelnen die Frage: Wie reagiere ich angemessen darauf?

  • ich kann jener Gruppe Schülern immer einfachere Aufgaben und immer mehr Hilfen und Tippkarten bereitstellen
  • ich kann ihnen einen (pädagogischen) Tritt in den Hintern geben und mehr Leistung fordern

Die viele “Förderung” geht vielleicht auch einher mit einer wachsenden Zahl an medizinischen Diagnosen.

  • statt dass der Felix lernt, mal zehn Minuten die Klappe zu halten, wird es mit ADS entschuldigt – er braucht halt eine spezielle Aufmerksamkeit
  • statt dass der Felix mit 16 Jahren lernt, wie man korrekt schreibt, kommt er mit attestierter LRS immer durch – er braucht halt eine spezielle Förderung
  • statt dass der Felix das kleine Einmaleins lernt, darf er mit Dyskalkulie den Unterricht entspannt an sich vorbeiziehen lassen.
  • ich habe erlebt, dass ein Kind von den Eltern vom Schwimmunterricht befreit wurde – wegen einer Laktoseintoleranz… [sic!]

Wie immer ist natürlich eine Mischung wichtig und die Betrachtung jedes einzelnen Schülers.  Tendenziell aber – obwohl ich in meinem Unterricht viel differenziere – bin ich eher der Typ für Möglichkeit 2 (und das hat mir im Referendariat einigen Ärger eingebracht.. Zwinkerndes Smiley): Der pädagogische Tritt.

Die “Überförderung” von Schülern führt mE dazu, dass sich der Lerninhalt immer mehr und mehr dem Schüler anpasst und nicht umgekehrt. Leider läuft es außerhalb des Wohlfühlortes Schule genau andersrum: In der Ausbildung, im Studium, im Beruf.
Meine Geschwister waren in Belgien auf der Schule – und das hieß ab der Grundschule bis nachmittags durchgängig Unterricht. Und zwar nicht AGs oder Projekte, sondern richtiger Unterricht. Eine Bekannte von mir merkt in Lüttich an der Uni gerade, dass sie den Belgiern hinterherhinkt.

Ich bin ganz sicher kein Fan des bayrischen oder baden-württembergischen, leistungsorientierten  Schulsystems – aber wir tun unseren Kindern auch keinen Gefallen, wenn wir es ihnen immer leichter und leichter machen und sie hier und da und dort fördern.

Ich glaube außerdem, dass es einigen (älteren) Schülern durchaus gut tut, mal richtig Schiffbruch zu erleiden – und einen pädagogischer Tritt in den Allerwertesten kann man auch als “individuelle Förderung” betrachten, nicht wahr?

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