John Hattie & der Alltag

“Ein neuer Name geht um in der Pädagogik”, schreibt die ZEIT und berichtet über den Bildungsforscher John Hattie, der hunderte Unterrichtsanalysen und Studien auswertete und zu einer Metaanalyse zusammenfasste. Am Ende ist – laut der ZEIT – alles egal: Kleine Klassen, offener Unterricht. Alles unwichtig. Entscheidend ist nur der Lehrer.

Eine solche Zusammenfassung macht es den zahlreichen Kommentatoren des Artikels wiederum leicht, die guten Lehrer zu loben und auf die vermeintlich schlechten einzudreschen. Dabei unterschlägt die ZEIT, dass auch bei Hattie das sich das “Vorwissen und die kognitiven Grundfähigkeiten der Lernenden als die wichtigsten Faktoren zur Vorhersage des Lernerfolgs” erweisen. [Link]
Die Frage ist jedoch auch: Was ist ein Lernerfolg?
Wenn die Schüler richtig viel wissen? Wenn sie mündige Bürger geworden sind; im Leben zurechtkommen?  Wenn sie ordentliche Steuerzahler geworden sind?

Wann immer ich solche Studien lese (und besonders auch die Kommentare vieler engagierter und interessierter Außenstehender), dann rutsche ich immer unruhig auf meinem Platz umher.

Dazu zwei Anekdoten.
Eine aus meinem Unterricht, eine von einer Kollegin einer anderen Schule.

Besagte Kollegin fing im Februar an einer neuen Schule an und wies bei der Pausenaufsicht einige Schüler an, nicht weiter mit Schneebällen zu werfen. “Verpiss dich, du Fotze” war ziemlich genau das, was sie zu hören bekam. Herzlich willkommen!

Ein anderes Beispiel.
2013-01-15 10.06.00In meiner Klasse war ich neulich im Computerraum unserer Schule. Weil jener Raum keine niedrigeren Tische hat, kommen meine beiden Rollstuhlkinder nur schwer an die Tastatur. Ohne jede Instruktion von mir konnten die Schüler jedoch damit umgehen.

Ein solches Verhalten – weder im Guten noch im Schlechten – kann man an der Schule machen. Wir brauchen die Eltern, die uns unterstützen. Die Onkels und Tanten, die Omas und Opas und Geschwister. Mehr als einmal habe ich einzelne Schüler schon die Hausordnung abschreiben lassen. Ist das eine Strafe? Ein (sozialer) Lernerfolg? Notwendig? Überflüssig? Bin ich deswegen ein schlechter Lehrer? Ein guter Lehrer?

Was ich sagen möchte: Alles forschen und analysieren, alles planen und vorbereiten und ausbilden, all das spiegelt den Unterricht oft nicht wieder. Die Realität des Lehrerberufs ist weit schwieriger, als es sich in einem ZEIT-Artikel oder einer großen Hattie-Studie unterbringen lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

9 Gedanken zu “John Hattie & der Alltag”