Inklusion & Alltagsprobleme

Inzwischen hat das zweites Schuljahr für meine Klasse, in der auch zwei Mädchen mit Glasknochen sind, begonnen. Das erste verlief unproblematisch und der Alltag war geprägt von unkomplizierten, praktischen Lösungen.

Inklusion nennt sich die Einbindung von Menschen mit Behinderungen in den normalen Schulalltag, (Bildquelle: http://inklusion-olpe.de/satzung.php ) die in Deutschland in den nächsten Jahren mehr und mehr umgesetzt wird und ich habe an vielen Stellen von den Erlebnissen und Bereicherungen der Inklusion erzählt.

Aber – und auch darin sehe ich eine Gewisse “journalistische” Pflicht – es gehört auch dazu, von den Schwierigkeiten und Herausforderungen zu berichten. Diese entstammen natürlich meinen Erfahrungen, sind aber größtenteils auch auf andere Inklusionsfälle übertragbar. Heute also einige Worte zu ein paar Alltagsproblemen, die sich mit der Inklusion einstellen.

In den Tagen nach den Sommerferien müssen sich die Jungs und Mädchen erst wieder finden. An einer Ganztagsschule ist das für die Kinder noch etwas anstrengender, als an einer “normalen” Schule. Ich erinnere die Schüler immer wieder daran, wie oft sie sich mit ihren Geschwistern streiten und nun, in einer Ganztagsschule, müssten sie mit 27 Geschwistern von morgens 8 bis nachmittags um 15 Uhr auseinandersetzen. Das sei eben anstrengend.

2012-12-06 09.54.01Diese Woche haben wir den Klassenrat einberufen. Heutzutage ist das eine pädagogische Institution, die über eine eigene Homepage und einen eigenen Wikipedia-Artikel verfügt – bei mir ist es einfach ein ordinärer Stuhlkreis, indem man Sorgen und Probleme anspricht.

Ein Mitschüler merkte an, er empfände es als unfair, dass alle Kinder die Klasse aufräumen müssten – nur die Rollstuhlkinder würden sich rausnehmen, obwohl – wie er sofort hinzufügte – er verstünde, dass sie aus dem Rollstuhl heraus natürlich stark eingeschränkt seien.
Das war für mich eine ungemein fundierte Aussage. Obwohl er weiß, dass man im Rollstuhl keinen Besen schieben kann und auch kaum an den Boden heranreicht, empfindet er es als unfair.

Ich glaube, ein ganz großer Teil der Schwierigkeiten im Bereich Inklusion geht auf solche “Empfindungen” zurück – und natürlich betrifft das nicht nur Rollstuhlkinder.
“Wieso darf Jonathan sich (scheinbar) ohne Konsequenzen wie ein Affe aufführen, aber ich muss direkt Nachsitzen?” (ADHS)
“Wieso zählen bei Ayleen die Rechtschreibfehler nicht, aber ich habe wegen meiner Fehler eine Note schlechter?” (LRS)

Die unterschiedliche Behandlung der Schüler ist zwingend notwendig – und führt trotzdem zu Frust. Mit den Monaten und Jahren kann sich so ein Frust mehr und mehr aufbauen und die Betroffenen zu Außenseitern machen: Irgendwann “bestraft” die Klasse Ayleen für die Bevorzugung aus einem inneren Gerechtigkeitssinn heraus mit Ausgrenzung.

Bei Inklusionskindern wiegt dieser Punkt noch deutlich schwerer: Ihre “Sonderbehandlung” ist viel offensichtlicher und tritt viel stärker zu Tage, als bei anderen Kindern. Der Frust der Mitschüler überträgt sich häufig auf ihre Eltern, die ihrerseits fragen: “Und mein Kind…?!”

2013-09-20 09.00.50Am Freitag haben wir im Fach NW den Brennerführerschein gemacht. Die Schüler sollten den Bunsenbrenner kennen und beherrschen lernen. Dazu etwas Wasser in einem Reagenzglas erhitzen – nichts spektakuläres.
Zumindest nicht für normal große Kinder.
Die Arbeitstische der NW-Räume sind jedoch zu hoch für meine Rollstuhlmädels. Und die Gas- und Stromanschlüsse sind ebenfalls zu hoch. Man bräuchte barrierefreie, höhenverstellbare Anschlüsse – es ist also eine Frage des Geldes.
2013-09-20 09.01.00Am Freitag haben wir das Problem pragmatisch gelöst: Hinter dem Lehrerpult sind die Anschlüsse niedriger, also haben die Kinder dort an ihrem niedrigen Tisch experimentiert. In der 6. Klasse kräht da kein Hahn nach – aber wie sieht die Zukunft aus? Im Fach Chemie müssen die Schüler früher oder später kompliziertere Experimente durchführen – wie sollen sie das ohne Pult machen? Wie sollen die Fachlehrer Noten vergeben, wenn einzelne Kinder wesentliche Teile des Unterrichts nicht teilen können?
Die gleiche Problematik gibt es auch in anderen Fächern: Mit Glasknochen stellt das Fach Technik eine unüberwindliche Hürde dar – meine Mädchen können einfach nicht wie die anderen sägen, schleifen und hämmern.
Aber wie erkläre ich dem zappeligen Jonathan, dass er für sein krummes Häuschen nur eine “4” bekommt, während ein Kind mit einer Behinderung im Rahmen seiner Möglichkeiten womöglich nur ein Brett zurechtsägt und dann eine “2” erhält?
Irgendwann sorgt die Klasse für eine “ausgleichende Gerechtigkeit” und bestraft die Sonderbehandlung der Kinder: Sie werden zu Außenseitern.

Dies sind keine trivialen Probleme, weil sie gravierende Auswirkungen auf das Klassenklima haben und dieses ist entscheidend für den Lernerfolg der Schüler. Gehen sie gerne zur Schule? Fühlen sie sich gerecht behandelt?

Wie man sieht, ist Inklusion im Alltag wirklich kompliziert. Es ist nicht damit getan, behindertenfreundliche Toiletten zu bauen oder barrierefreie Türen. Inklusion ist ein anstrengender Prozess, der nur durch eines funktionieren kann: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation.

Meine Schüler müssen verstehen lernen, dass Menschen im Rollstuhl nicht im gleichen Maße aufräumen können. Sie müssen verstehen lernen, dass Menschen mit Glasknochen nicht wie sie Hämmern und Sägen können.

Sie müssen wissen und fühlen, dass wir Lehrer sie gerecht behandeln – auch wenn jeder anders ist. Bisher sind wir da auf einem richtig guten Weg, echter Frust existiert bei uns nicht – aber die angesprochenen Probleme werden kommen.

Es bleibt aufregend. 🙂

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