Inklusion & Aufsichtspflicht

15. November 2013 17 Von Jan-Martin Klinge

ZOE_0008-55FF2CBD_6-31940754Bei einem tragischen Unglück an einer Förderschule in unserer Gegend ist diese Woche ein Kind lebensgefährlich verletzt worden. Der neunjährige Junge wurde leblos im Schwimmbecken der Schule gefunden – vermutlich ist er durch einen nicht abgeschlossenen Nebeneingang während der Pause ins Gebäude gelangt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob ein Fall von Aufsichtspflichtverletzung vorliegt, aber so etwas geschieht immer, wenn an einer Schule Unfälle geschehen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht über mögliche Ursachen schwätzen oder über diese Tragödie als solches schreiben. Solche Unfälle sind schrecklich und mein Mitgefühl gilt der Familie, den Mitschülern und den Lehrern.

Dieses Ereignis wirft jedoch ein Schlaglicht auf einen ganz besonders heiklen Punkt der Inklusion: Die Aufsichtspflicht.

An der genannten Förderschule sind etwa 120 Schüler mit geistigen Behinderungen angemeldet. Pro Klasse, die etwa 12 Schüler umfasst, gibt es zwei bis drei Lehrer – es herrscht also eine sehr intensive Betreuung, die nicht mit einer normalen Schule vergleichbar ist.

Wenn ich über Ausflüge schreibe, erwähne ich immer wieder, dass alles sehr diszipliniert abläuft – zum Vergleich: Wir sind zwei Lehrer auf dreißig Kinder. Und in jeder Klasse gibt es ein paar Kasper, die nicht in Reih und Glied laufen wollen – auch in meiner. Es besteht immer die latente Gefahr, dass bei so einem Ausflug einer johlend davonrennt und auf die Straße vor ein Auto läuft.

Inklusion in der Schule bedeutet nun nicht nur, dass ich zwei brave Mädchen mit Glasknochen habe, die zudem über Inklusionshelfer verfügen – sondern es wird zukünftig auch bedeuten, dass Kinder mit geistigen Behinderungen, bspw. autistische Kinder in einer Klasse mitmarschieren. Kinder, die nicht einschätzen können, wie gefährlich eine Straße, ein Bahnhof, ein Schwimmbad ist.
Als wir im Sommer ins Odysseum nach Köln gefahren sind, habe ich am Bahnhof Blut und Wasser geschwitzt: Die Mädchen beginnen irgendwann ‘Fangen’ zu spielen (das beginnt ganz sanft mit einer Berührung, dann rennt irgendwer weg und andere hinterher…) und immer gibt es irgendwann drei Jungs, die sich gegenseitig lustig herumschubsen.
Schon in einer Klasse mit normal entwickelten Kindern ist so ein Ausflug megaanstrengend. Der Gedanke, ich hätte auch Schüler dabei, die u.U. frustriert wegrennen (und im Zweifel über die Gleise) wenn sie geärgert werden oder die andere Schüler wütend zurückschubsen (und im Zweifel auf die Straße), weil sie das Gefahrenpotential nicht erkennen, lässt mich schaudern.

Wie soll ich als Lehrer da noch echte Aufsicht gewährleisten können?

“Verzeihung, aber ich nehme keine Kinder mit Behinderung oder Verhaltensstörung auf eine Klassenfahrt mit.”

Die Reaktionen wären klar.