Klettern und Krönen (mit Glasknochen)

3. Tag.
Ich habe ein paar Augenblicke gebraucht, um zu verstehen, weshalb es in dem Saal so nach Rauch stank. Und noch ein wenig mehr, warum ich einfach rausgerannt bin, ohne mich um das Feuer oder zurückbleibende Schüler zu kümmern.
Ein verdammter Alptraum hindert mich daran, wenigstens nachts meine Ruhe zu finden. Nichts passiert. Alles gut.
Nach dem Gewaltmarsch Spaziergang gestern (ich werde morgen ein bisschen über Statistiken und Highlights und Momente schreiben) sind die Kinder abends um zehn einfach umgefallen. Ab elf herrschte Totenstille, und nicht einmal die laut gröhlende Parallelklasse, die zur mitternächtlichen Stunde aus der Sternwarte zurückkam, konnte sie wecken. (Mich auch nicht.) (Ich habe mir sagen lassen, dass sie gegröhlt haben.)

Nach dem Frühstück stand heute Bouldern auf dem Plan. („Bouldern? Hat man das früher nicht ‚klettern‘ genannt?“ grummelte einer der Jungs, als wäre er schon sein eigener Senior.)
Das Klettern hatten wir über die JHB gebucht und waren gespannt. Einerseits klang das nach Action und Abenteuer, andererseits würden unsere beiden Mädels mit Glasknochen sicher nur Zuschauen können.

Hatten wir gedacht.

Tatsächlich erwarteten uns drei junge, hippe Trainer Coaches, die uns ins Klettern Bouldern einwiesen. Und dabei waren die drei nicht ‚bemüht cool‘ oder ’nervig cool‘, sondern ‚wirklich cool‘. Die hatten Bock auf den Spaß und das hat sich auf die Klasse übertragen.

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Zwei der Trainer (was ist ein cooles Wort für Trainer?) kümmerten sich um die Klasse, der dritte nahm sich Zeit für die Zwillinge. Ab-ge-fah-ren! Fürein Kind, das Tag-für-Tag an den Rollstuhl gefesselt sind, war das eine wahnsinnig aufregende Aktion. Tatsächlich sind sie auf Seilen balanciert und sind kleine Wände hochgeklettert. Ein Riesenkompliment für den Laden und eine echte Empfehlung für alle Kollegen, die in Aachen auf Klassenfahrt sind – das darf man auch mal so direkt sagen.

Weil wir ständig unterwegs waren, haben wir kein Mittagessen gebucht. So hatten wir die Freiheit, am Dreiländereck eine Pommes zu essen oder in der Stadt zu bleiben, so lange wir wollten. Für heute hatte ich (als altes Öcher Kind) alte Kontakte gepflegt und einen Freund angerufen, der eine Pizzeria in Aachen besitzt. 😉 Auf die Minute wurde geliefert und wir durften in achtundzwanzig glückliche Kindergesichter blicken.

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Nach einer Stunde Pause ging es zurück in die Stadt. Noch mal shoppen für die Kinder (die allerlei Unsinn trieben, aber dazu morgen mehr). Kaffee & Kuchen für uns. Anschließend stand noch Kultur auf dem Programm: Eine Führung durch den Dom und die Domschatzkammer.
Das würde zwar ein langwieriger, ausschweifender Abschluss werden, aber irgendwie käme ich mir schäbig vor, Aachen zu verlassen, ohne den Kindern auch ein bisschen was von Karl dem Großen zu zeigen. Nicht so cool war, dass die gebuchte Führung durch Dom und Schatzkammer deutlich teurer als erwartet war. Mea culpa! Bestimmt haben die Mitarbeiter alles richtig abgeschickt und mir korrekt mitgeteilt. Subjektiv betrachtet aber:
Ich: „Hallo, ich komme mit 28 Kindern und will eine Führung durch Dom und Schatzkammer. Geht das? Was kostet das?“
DomLeute: „Hallo, cool! Kommen Sie gerne. Kostet dann für zwei Führungen 80 Euro.“
(Kleingedruckt: pro Gruppe.)(ganz klein gedruckt: Gruppenstärke maximal 25 Personen) (noch kleiner gedruckt: zuzüglich Eintritt in die Schatzkammer 3 Euro pro Person).
Ich (lese): Cool. 80 Euro, das klingt super.
Als ich mich an der Rezeption anmelde, ist die Stimmung (bei mir) dann gedrückt entsetzt. Statt 80, kostet es plötzlich 244 Euro. Zwei Gruppen. Plus Eintritt. Und das für eine Führung, die sicherlich an Langeweile kaum zu überbieten sein wird. „Karl der Große lebte von … bis… Sein Gebiet erstreckte sich von… Hier sehen wir seine Krone. Hier sehen wir das Reichsszepter…“ Schon beim Gedanken daran schlafe ich ein.
Mea culpa.
Ich erkläre vorsichtig, dass ich die Formalitäten für „unglücklich formuliert“ halte und das ich – als Klassenlehrer – kaum in Lage sei, plötzlich soviel mehr Geld auszugeben. Da müssten die armen Kinder wohl draußen auf der Straße sitzen und frieren und den Dom nur von außen betrachten. Die Mitarbeiter zeigen sich kulant und halbieren uns den Preis. Das ist nett und sie sagen, sie würden die Formulare bestimmt irgendwann anpassen, aber die Mühlen der Verwaltung mahlen langsam – und die der Kirche noch langsamer.
Schließlich steht unser Führer vor uns. Ich erkläre ihm, dass wir um 19:15 Uhr wieder in der Jugendherberge sein müssen („Danach macht die Küche zu!“) und erkläre, wir seien kein Geschichte-Leistungskurs. Die Jungs wollten die goldenen Schwerter sehen und die Mädchen die goldenen Kronen. Bitte, bitte, keine geschichtlichen Details. Der Typ (der nebenberuflich durchaus in der Boulderhalle anfangen könnte) legt los. Und zwar richtig.

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Über eine Stunde lang erzählt er Mythen und Geschichten, vom Bau des Doms und geraubten Säulen und optischen Täuschungen des Kronleuchters, wir gucken uns Knochen in Reliquien an und staunen über den abgerissenen Daumen des Teufels in der Tür und das Leinentuch Jesu im goldenen Schrein.
Das. War. Richtig. Gut.
Auch für die Kinder. Mea culpa. Ich entschuldige mich im Kopf für meine Vorurteile.
Danach im Schweinsgalopp zurück zur JHB. Abendessen.
Der letzte Abend war frei.
Was sich als Fehler erweisen sollte, denn bis hierher war es eine richtig gute Klasssenfahrt.
Aber davon morgen mehr.

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